Tag 116 – Yes, Sierra Leone! (Teil 2)

„Als wir dort ankamen, atmeten wir auf, denn wir hatten doch unsere Sache gut gemacht. Was wir nicht ahnten, war, dass es noch viel schlimmer kommen würde. Es gab andere Rebellen, die uns zum Einstand erst einmal eine Runde auspeitschten.“ 

Diese Art der Brutalität wurde zum Alltag und Sahr kann sich heute nur noch klar an ein Ereignis erinnern, das ihn ganz persönlich betraf.
Er erzählte mir von der Erfahrung, ruhig, gefasst, fast distanziert, so als wolle er mich schonen. Ich wusste, was da kommen würde. Er hatte es uns allen unter Tränen während seines Aufenthaltes im kanthari- Institut erzählt. Doch die Erinnerungen waren damals für ihn selbst noch so frisch, dass es auch für uns fast unerträglich war, sich das Geschehene vor Augen zu führen. Die Ruhe, und Stärke, die er jetzt am Telefon ausstrahlte, zeigte mir, dass er in der Zwischenzeit sich mit dem Ereignis auseinandergesetzt haben musste. Wahrscheinlich hatte er diese Begebenheit auch bei seinem Studienaufenthalt in England oft erzählen müssen und damit eine psychische Distanz dazu geschaffen, so als berichtete er die Geschichte eines Anderen.
Sahr Yillia sah seine Schwester zum letzten Mal, als sie, gemeinsam mit anderen Schwestern der Kindersoldaten in sein Camp gebracht wurde. Vor den Augen ihrer Brüder wurden sie von einer Rebellen-Gruppe vergewaltigt und dann mit Macheten abgeschlachtet. Als Sahr und die anderen Jungen anfingen zu weinen, wurden sie aufgefordert, Essens-Behälter und Eimer unter die Blutströme der sterbenden Schwestern zu halten, um sich dann darin die Hände zu waschen. Danach sollten sie applaudieren und die Toten auslachen.
„Das war unser Training, für alles, was da kommen mochte. Wir waren ihre Kämpfer, die die ideologischen Schlachten der Rebellen gegen die Zivilbevölkerung und gegen die Regierungstruppen kämpfen sollten. Natürlich habe ich alles getan, was sie von uns wollten. Was blieb mir auch anderes übrig! Wir waren klein und machtlos. Gehorsam war das einzige, was uns am Überleben hielt.“

Zweieinhalb Jahre lang überlebten sie im Dschungel. Sie marschierten von Basis zu Basis. Mal auf der Seite von Sierra Leone, mal im Grenzgebiet Liberias. Seine Hoffnungen, in einer der Kriegs-Basen wieder mit seiner Mutter vereint zu sein, lief ins Leere.
Als Rekruten in der „Small Boys‘ Unit“, mussten sie vieles lernen. Wie betätigt man ein Gewehr, wie plant man einen Überfall, wie tötet man mit der Machete, was gibt es für Kriegstaktiken und wie lockt man den Gegner in einen Hinterhalt. Während sie vorher noch hätten fliehen können, gab es jetzt kein Entrinnen mehr. Sie waren auf den Krieg vorbereitet und wurden daher bei Nacht und bei Tag bewacht. Jeder, der sich davonstehlen wollte, wurde mit Erschießung bedroht.
Bei all dem gab es keine regelmäßigen Mahlzeiten. Gekocht wurde nur für das Führungspersonal. Die Kinder mussten für sich selbst sorgen:
„Oft kam es vor, dass wir nichts anderes zu uns nahmen als rohes Gemüse, Blätter und Waldfrüchte. Wer immer eine wilde Mango fand, hatte den ersten Biss. Ich gehörte nie dazu, aber die anderen teilten ihr Obst großzügig mit mir. Besonders Kaprie war immer für mich da. Er verteidigte mich, wenn sich Jungen über mich lustig machten.
Kaprie, Sahrs bester Freund aus Kriegszeiten, kam ein Jahr später als Sahr ans kanthari-Institut. Er ist sehend, hat aber eine tiefe Verbundenheit mit Blinden und arbeitet auch heute noch in Liberia in der Blinden-Bildung. In einem der Dschungel Basis-Lager traf er auf Sahr und half ihm so gut er konnte, damit Sahr nicht allzu viele Nachteile hatte.
Wir erinnern uns alle noch an Kapries Kraft und Geschicklichkeit, wenn es darum ging, in der Natur die richtigen Nahrungsmittel zu finden und auf offenem Feuer herzurichten. Einmal lag er auf dem Bootssteg, steif und still wie ein Stock, mit dem Oberkörper weit über dem Wasser des Vellayani Sees. Er hatte ein langes Messer in der Hand und dann und wann stach er in das dunkle Seewasser und holte einen Fisch nach dem anderen heraus. Im Nu war ein Eimer mit Fischen gefüllt, für solch einen Fang hätten die Vellayani Fischer über Tage hinweg geduldig Netze auslegen müssen. Doch Kaprie war wie Sahr und alle Dschungel-Kämpfer ein Überlebender und wusste immer, was zu tun war. Er konnte giftige von guter Nahrung unterscheiden und er konnte überall schlafen.
„Wir hatten im Dschungel kein festes Schlaf-Lager,“ erklärt mir Sahr. „Wir schliefen einfach auf Felsen oder unter Bäumen und teilten unser Bett mit Schlangen und Insekten. Besonders lästig waren die Skorpione. Ich habe heute noch Bisswunden. In den Sümpfen gab es Blutegel und Moskitos. Viele meiner Dschungel-Kumpanen sind an Krankheiten wie Malaria gestorben.“
Während ich ihm gespannt zuhörte, wunderte ich mich, dass seine hochgradige Sehschädigung bei den Erfahrungen kaum ins Gewicht zu fallen schien. Als ich ihn auch aus ganz persönlicher Betroffenheit fragte, überlegte er eine Weile.
„Ich hatte keine Sonderstellung. Wir mussten alle das Gleiche tun. Vielleicht wussten die Rebellen-Führer nicht, was mit mir los war.“
Das war vielleicht sogar sein Glück, denn was hätten sie wohl mit ihm angestellt, wenn sie merkten, dass sie einen Behinderten mit sich herumschleppten. Kriegsversehrte hatten sie einfach liegen gelassen oder getötet. Sahr erinnerte sich, dass lediglich einer der Rebellen herausfand, dass etwas mit seinen Augen nicht stimmte. Da kam er aus Langeweile auf die Idee, ihm flüssiges Plastik in die Augen zu gießen.
„Klar, als Kämpfer blind zu sein, ist schon ziemlich riskant.“, meinte er lakonisch. „Wir waren meistens nachts unterwegs, um die Dörfer auszuspähen. Sobald es dunkel war, konnte ich überhaupt nichts mehr sehen und ich schlug mir regelmäßig meinen Kopf an Baumstämmen blutig. Wenn die Kugeln bei einem Überfall so um uns herflogen, verlor ich auch schon mal die Orientierung. Aber gefährlich war es doch für uns alle! Immer wenn wir ein Dorf überfielen, wurden viele von uns getötet. Wir waren immer die Ersten, die Informationen sammeln mussten und die Letzten, die die Säcke mit erbeuteter Nahrung ins Camp tragen sollten.“
Bevor die Kindersoldaten zu Kampfeinsätzen eingeteilt wurden, injizierte man ihnen ein Kokaingemisch. So verloren sie jegliche Angst und hatten auch keine Tötungshemmungen.
Heute haben viele der damaligen Kindersoldaten, die auf Seiten der Rebellen oder auch auf Seiten der Regierungstruppen gekämpft hatten, mit psychischen und physischen Folgeschäden zu tun. Viele leiden an schweren Depressionen und andere an Migräne-Anfällen.
„Die meisten von uns haben starke Kopfschmerz-Attacken, und müssen teure Medikamente nehmen. Ich z.B. habe auch meinen Geruchssinn verloren. Zudem werden wir noch immer von der Bevölkerung stigmatisiert.“
Befreit wurden die jugendlichen Krieger 1998 durch Nigerianisch-West-Afrikanische Truppen, der Ecomog. Die Kindersoldaten, darunter auch Sahr, kamen zunächst zur Rehabilitierung in ein Transit-Lager, ein Demobilisierung-Camp der Unicef.
„Da mussten wir erst einmal von den Drogen loskommen. Und wir wurden durch ausländische Experten psychologisch und medizinisch betreut.“
Die Rehabilitierung dauerte fast ein ganzes Jahr. In dieser Zeit, suchten diese Experten seine Familie und fanden als einzige Überlebende seine Mutter. Eine Tante wurde im Camp getötet, die andere starb kurz nach der Befreiung.
„Meine Mutter will und kann nicht über die Zeit bei den Rebellen sprechen. Jedes Mal, wenn ich etwas aus der Zeit wissen möchte, fängt sie an zu weinen. Sie muss Furchtbares ertragen haben, aber sie hatte nie die Möglichkeiten, sich durch Erzählen von den Bildern zu befreien.“

Das Yenga Friedensdorf
„YES“ ist der Name von Sahrs Projekteinheit. Es steht für „Youth Empowerment Sierra Leone!
Hauptteil seines Projektes „YES“ ist das Yenga Friedensdorf. Es handelt sich um ein ökologisches Dorf, gleich an der Grenze zu Guinea, am Ufer des Mano Flusses. Das Dorf hat zwei wesentliche Zielsetzungen:
1. Training in nachhaltigen Methoden
Bei den Fähigkeiten, die er in seinen Trainingsprogrammen anbietet, handelt es sich um solche, die den jungen Auszubildenden ein unabhängiges Leben ermöglichen können.
Es geht um biologischen Landbau, nachhaltige Architektur und um die Einsetzung von erneuerbaren Energien, um Business Start-ups und um alltägliche lebenspraktische Fertigkeiten, um sowohl mit der Vergangenheit als auch mit der Zukunft zurecht zu kommen, denn viele der Auszubildenden sind Kriegsweisen Auch wenn sie noch zu jung sind um selbst aktiv an den Kriegseinsätzen beteiligt gewesen zu sein, sind sie durch die Geschichte des Landes und ihrer Familien hoch traumatisiert.

2. Der Kampf gegen FGM
FGM (Female Genital Mutilation), die Beschneidung der weiblichen Genitalien, ist noch heute eine Praxis, die besonders in den abgelegenen Regionen Sierra Leones an sechs- bis neun-jährigen Mädchen durchgeführt wird. Sahr empfindet diese Praxis als brutale Kriegshandlung gegen Mädchen. Er weiß, dass er bei den traditionellen Dörflern nur sehr schwer Gehör findet. Aber er versucht alles, um die Zeremonie durch andere Rituale zu ersetzen. „Wir komponieren Lieder und tanzen und singen dazu. Diese Feste werden vielleicht zum Umdenken animieren.“ Seine 11-jährige Tochter hat er bereits vor der Beschneidung bewahren können, obwohl er zum kritischen Zeitpunkt in England studierte.

Sahr ist zurzeit damit beschäftigt, für seine Ausbildungsprojekte genügend Land am Mano-Fluss zu erwerben.
„Wenn ich mir unser Projekt in der Zukunft vorstelle, dann denke ich an den kanthari-Campus und an den Vellayani See. Unser Fluss Mano ist etwa so breit wie der See. An der gegenüberliegenden Seite vom Yenga Friedensdorf sieht man Guinea. In Trockenzeiten kann man zu Fuß hinüberlaufen. Aber wenn der Regen kommt, schwillt der Fluss an und man braucht ein Boot oder ein Floß aus Bananenbaum-Strünken. Wir werden auch Boote haben. Und dann laden wir Touristen ein, die in einfachen Hütten mit uns leben und das Leben in der Natur erfahren können. Die Hütten sehen so ähnlich aus, wie Nabulai, unser Bambus-Klassenzimmer in kanthari. Und die etwas festeren Häuser werden aus Lehm gebaut. Landwirtschaft, Hüttenbau und vieles mehr, werden unsere Jugendlichen kennen lernen.
Ich kann sie nicht davor bewahren, die Reise nach Europa anzutreten, aber ich kann ihnen vielleicht als Alternative ein neues positives Bild von möglichen Zukunftsaussichten in ihrem eigenen Land geben. Vielleicht werden sie so zu Friedensbotschaftern und entscheiden sich doch für ein „Ja“ zu Sierra Leone.“