Tag 29 – Daumen hoch für eine offene Gesellschaft (Teil 2)

Samuel mit seinem Sohn Raphael

Die Wochen, die er in Gefangenschaft verbracht hatte und besonders die Bilder der ermordeten Behinderten ließen ihn nicht los, sie veränderten sein Leben.

„Ich wollte jetzt nicht nur einfach Lehrer werden. Ich wollte mit Behinderten arbeiten. Also sattelte ich um auf Sonderpädagogik und wurde Lehrer für blinde, hörgeschädigte und körperlich behinderte Kinder. Das machte mir großen Spaß. Ich lernte die Grundzüge der Gebärdensprache und das Braillealphabet. …. Oft stieß ich auf Widerwillen der Eltern, sich auf ihr Kind mit all seinen Eigenarten einzulassen. Viele hatten Angst, etwas falsch zu machen. Manche fürchteten, von der Gesellschaft ausgeschlossen zu werden. Ich versuchte ihnen Mut zu machen. Aber eigentlich hatte ich keine Ahnung, was diese Menschen durchmachten. Bis … ja, bis ich selbst betroffen war.“

An einem Besuchertag seiner Schule traf er auf seine zukünftige Frau. Sie war die Schwester einer Kollegin, und Samuel war von Anfang an von ihr hingerissen. Sie verabredeten sich zunächst in der Kirche, später in einem kleinen Café. Er lernte ihre Eltern kennen und dann, ein Jahr später, beschlossen sie zu heiraten.
“ … wir bekamen unser erstes Kind, einen Sohn.“

Rafael war ein gesunder, lebendiger Junge. Doch mit zwei Monaten erkrankte er an zerebraler Malaria. Im Krankenhaus wurde er medizinisch versorgt, und das Fieber ging zurück, aber etwas hatte sich verändert. Er reagierte nicht mehr auf seine Umwelt. Samuel wusste sofort, dass etwas mit seinem Gehör nicht stimmte. Aber die Ärzte meinten zunächst, er sei vielleicht noch zu schwach, um zu reagieren. Samuel glaubte den Ärzten nicht, denn Rafael reagierte noch nicht eimal auf die Stimmen seiner Eltern.

„Ich weiß noch, wie ich erst leise, dann immer lauter vor seinem Bett in die Hände klatschte, doch es kam keine Reaktion. Schließlich ließ ich ein Glas gleich vor seinem Bett zerspringen, aber er blieb still. Panisch reiste ich mit ihm von einem Arzt zum nächsten, aber Tests zeigten deutlich, dass er vollkommen taub war. Man sagte mir, dass manche Malariapräparate irreversible Hörschädigungen hervorrufen können. Der Schock saß tief. Aber ich dachte mir auch, es hätte schlimmer kommen können. Schließlich war ich Sonderpädagoge und kannte mich ja ein bisschen aus. Was ich damals allerdings nicht ahnte, war, welche Hölle mir noch bevorstand.“

Die Neuigkeit, dass der Sohn eines Sonderpädagogen hörgeschädigt war, machte schnell die Runde. Zunächst reagierten die Leute so, wie man es erwarten konnte. Wie kann denn das sein? Im Krankenhaus? Medizin als Ursache? Dann veränderte sich die Stimmung langsam, aber spürbar.

„… Ich erfuhr durch Zufall, wie Gerüchte die Runde machten. Meine Familie sei verflucht. … Es gab den einen oder anderen, der meiner Frau riet, das Kind beim Überqueren des Flusses einfach fallen zu lassen. Sie wurde durch diese ‚Ratschläge‘ sichtlich verunsichert, und ich wurde wütend. Es war doch unser Kind! Ob taub oder nicht, es hatte ein Recht, auf dieser Welt zu sein und von uns geliebt zu werden!“

… Schließlich verließ ihn seine Frau, sie konnte dem Druck und den Einflüsterungen nicht mehr widerstehen. Nun war Samuel mit Rafael allein. Er war gezwungen, seinen Job als Lehrer zu kündigen, denn er musste sich rund um die Uhr um seinen Sohn kümmern.

Da er seinen Sohn vor der Gesellschaft nicht verstecken wollte, trug er ihn tagsüber durch die Straßen und über den Marktplatz. Es war ein seltener Anblick, denn ein Mann, der mit einem Säugling auf dem Arm unterwegs ist, gilt als Schwächling. Kaum jemand sprach ihn direkt an. Alle machten einen großen Bogen um ihn, so als hätte er eine ansteckende Krankheit oder als sei er verflucht.

„Damals war ich noch sehr religiös. Ich suchte Trost in der Kirche. Aber auch da begegnete man mir mit Misstrauen. Das machte mich zornig. Und ich beschloss, selbst zu predigen, für Toleranz und gegen Aberglauben. Für eine offene Gesellschaft und gegen die Isolation von Eltern mit behinderten Kindern. Ja, ich bin von Kirche zu Kirche gegangen und habe wütende Reden gehalten. Und langsam merkte ich, wie der eine oder andere nachzudenken begann.“

Nach einer dieser Reden kam sein Schwager auf ihn zu. Er war sichtlich berührt von Samuels Geschichte und versprach, mit seiner Schwester zu reden. Schon ein paar Tage später kehrte sie wieder zu Samuel zurück.

(Aus „Die Traumwerkstatt von Kerala – Die Welt verändern, das kann man lernen„)

Heute, nur sechs Jahre später, leitet Samuel eine alternative Schule mit über 180 Kindern. Er nennt sie „Very special school“. Es ist eine Schule für alle, Behinderte und Nichtbehinderte, in der jedes Kind in sehr spezieller Weise gefördert und gefordert wird. Darüberhinaus arbeitet er mit Eltern an einem langfristigen Sinneswandel. Eltern von behinderten Kindern sollen zu Gegnern abergläubischer Ideen werden.

Die Schule ist zur Zeit geschlossen, aber Samuel und sein Team reisen durch die entlegensten Gebiete Nord Ugandas, um die Menschen nicht nur mit Seife zu versorgen, sondern darüberhinaus auch aufzuklären.

„Der größte Feind einer offenen, menschlichen Gesellschaft ist der Aberglauben. Wir müssen dafür sorgen, dass Covid-19 weder als schwarze Magie, noch als Mythos der Weißen angesehen wird.“

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