Tag 291 – Das Wachstum-Dilemma

von Chacko Jacob

Wachstum ist sichtbar in allem, was uns umgibt: Das Universum dehnt sich aus, die meisten Lebenszyklen von Organismen beinhalten Mitose, was zur Zunahme von Größe und Stärke führt. Wir wachsen, auch als Erwachsene. In der Regel meinen wir damit, dass wir nach persönlicher Verwirklichung streben. Auch in der Unternehmerwelt werden Umsatzsteigerungen unter anderem durch den Ausbau von Filialen und der Ausweitung des Kundenstamms als “Wachstum” bezeichnet.

Und was bedeutet Wachstum für diejenigen, die sich für nachhaltigen sozialen Wandel in der Gesellschaft einsetzen?

Wichtig ist in diesem Zusammenhang anzumerken, dass Der Begriff “sozialer Wandel” sich auf den Wandel einer Geisteshaltung bezieht. Dabei schließen wir zunächst einmal karitative und humanitäre Nothilfe aus, obwohl diese Arbeit besonders in Krisensituationen unbedingt notwendig ist.

Wenn man mal so herumfragt, ist jeder in gewisser Weise für Wachstum.

Es ist nich leicht, Wachstumskritiker auszumachen. Die wenigen, die sich ‚outen‘ werden oft in die Ecke: der “Fortschrittsgegner” gestellt. Wir sollten uns darüber im Klaren sein, dass die Zielsetzungen von Unternehmen und NGOs sehr unterschiedlich sind.

Für die Unternehmen ist Profitstreben das Hauptmotiv und die Veränderung der Geisteshaltung nur ein wichtiges Mittel dazu, Profite einzufahren.

Für soziale Veränderer ist die Einstellung der Menschen hin zu einer offeneren, freieren, integrativeren und emphatischeren Gesellschaft das ultimative Ziel. Die “Werkzeuge” die dazu verwendet werden, könnten Kampagnen, Initiativen, Kunst, soziales Unternehmertun, Erfindungen und Protestaktionen sein.

Der Grund, auf diese Unterschiede aufmerksam zu machen, ist der folgende:

Regierungen, Unternehmensberater, Sponsoren und andere Interessengruppen verfolgen oft einen traditionell unternehmerischen Wachstumsansatz, was sich eventuell, ohne böse Absicht, schädlich auf die Ziele von NGOs und soziale Veränderer auswirken könnte.

Die Tageszeitung “The Hindu” veröffentlichte vor einigen Jahren einen Artikel mit dem Titel: “Über NGOs, die nicht in der Lage sind, ihre Aktivitäten auszuweiten”.

Zu diesem Schluss kam eine Regierungsvertreterin. Sie erklärt es so: Wenn NGOs dazu aufgefordert werden, von ihrem Pilotprojekt zu expandieren, führt das nur selten zu Erfolg. Sie begründet es dadurch, dass die NGOs es versäumen, “sich nicht in den eigenen Kapazitäten fortzubilden, bevor sie ihren Arbeitsbereich erweitern”.
Ich stimme ihr grundsätzlich zu, allerdings sehe ich ein Problem auf beiden Seiten.

Auf der einen Seite gibt es Druck, sich zu vergrößern. Auf der anderen Seite, sobald ein kleines Projekt die erste Chance bekommt, sich auszuweiten, werden oft wichtige Zwischenschritte übersprungen. Hinzu kommt, dass Aktivitäten von sozialen Veränderern oft missverstanden werden. All zu oft werden ihre Zielsetzungen für eine soziale Nachhaltigkeit, mit karitativen Maßnahmen verwechselt. Und daher kommt gutgemeinte Unterstützung oft nicht zu dem erwarteten Resultat.
Wachstum der NGOs mit Hilfe von Regierungsgeldern birgt auch andere Risiken. Zum Beispiel in politisch instabilen Regionen, in denen die Regierungen ständig wechseln.
Zum Beispiel, sollte nach einigen Jahren die Opposition am Zug sein, könnte die Unterstützung von heute auf morgen beendet werden. Das ist nicht nachhaltig.

NGO Gründer, die sich weigern, die Anzahl ihrer Aktivitäten auszuweiten, sich also dem Wachstumsdruck widersetzen, wird oft vorgeworfen, unter dem “Founder’s Syndrom” zu leiden. Was den Beratern und Unterstützern der NGOs, die zu diesem Urteil kommen, meist fehlt, ist jedoch eine direkte Beziehung zur Vision und Arbeitsweise der sozialen Veränderer. Doch die Vision ist für die Mehrheit der Gründer ein Hauptmotiv, die NGO in einer bestimmten Richtung voranzubringen.

Wir kennen aber viele NGO-Gründer, darunter auch kantharis, die trotz all der „Beratung” von Außenstehenden an ihrer Vision festgehalten und ihre Organisation stabil zum Erfolg gebracht haben.

Erfolg bedeutet nicht immer Tausende von Begünstigten zu dienen, Millionen von Fördergeldern einzunehmen oder unterschiedliche Standorte zu unterhalten.

Was sie erfolgreich gemacht hat, ist konsistente Arbeit mit all den schmerzhaften Schrittchen; Es ging nicht um Wachstum als Ziel, sondern sie wachsen, weil sie zu diesem Zeitpunkt, an diesem Ort genau richtig und wichtig sind. Dazu kommt die intrinsische Hingabe an das Projekt und seine Langzeit-Wirkung.

Es ist ein organisches Wachstum, von innen heraus, etwas das nicht möglich wäre, wenn die Organisation, von außen getrieben, überall Standorte aus dem Nichts zaubern muss, wenn soziale Zielsetzungen von Businessberatern als “Dienstleistungen” missverstanden werden und man versucht, die sozialen Prozesse durch 6-Sigma-Experten zu verfeinern.

Wachstum innerhalb des sozialen Sektors sollte in Form einer Verbreitung einzigartiger Ideen erfolgen. Um diese Ideen vorwärts zu treiben und bekannt zu machen, bedarf es einer visionären Person oder eines Teams mit der richtigen Einstellung und den richtigen Fähigkeiten.

Hier im kanthari Institut kommen diese Veränderer und zukünftigen Gründer von Organisationen oft aus Krisengebieten. Sie haben ein spezifisches Problem am eigenen Leib erfahren und schöpfen daraus die Energie, eine geeignete Lösung zu finden.

Sie befinden sich meist in einer Sonderrolle und darum sind ihre Lösungen oft einzigartig.

Für uns hat ein wahrer kanthari keine Konkurrenten, denn es geht ja um positive soziale Veränderung und nicht um privaten Profit.

Daher spielt Wachstum auch nur indirekt eine Rolle. Solange die Veränderung noch nicht vollendet ist, wachsen sie weiter. Zwar nicht unbedingt in der Größe, doch aber in Qualität.

Sie reagieren auf Bedürfnisse ihrer Zielgruppe und bauen ein starkes Netzwerk mit gleichgesinnten Organisationen auf und so können Einstellungen und Wissen verbreitet werden.