Tag 305 – Mikrokredite, Verheißung oder Geschäft mit der Armut?

– Eine mehrteilige Auseinandersetzung mit Befürwortern und Kritikern des Mikrofinanzwesens

von Sabriye Tenberken

1. Ein Sprungbrett aus der Armut
„Dinge sind niemals so kompliziert wie sie scheinen. Es ist Arroganz, die uns dazu verleitet, Antworten zu einfachen Problemen unnötig zu verkomplizieren.“ – Muhammad Yunus, Friedensnobelpreisträger und Gründer der Grameen Bank.
Muhammad Yunus geht es um die Bekämpfung der Armut mit einfachsten Mitteln. Es handelt sich dabei um eine wahrhaft simple Lösung: Gib den Armen einen Kredit und sie werden sich an den eigenen Haaren aus der Misere ziehen. Aber funktioniert das?

Nach all dem, was ich zu diesem Thema gelesen habe, fällt mir zu Mikrokrediten folgende Analogie ein: Ich denke da an meine kleine Nichte Mira. Mit ihren 14 Monaten hat sie ein wunderbares Spielzeug entdeckt. Sie entleert eine Holzkiste, setzt sich hinein und wird von meinem Bruder an einer Kordel durch die Wohnung gezogen. So weit so gut. Was aber wenn mein Bruder nicht zugegen ist? Dann nimmt sie die Kordel selbst in die Hand, und versucht, sich selbst in der Kiste sitzend herumzuziehen. Nun, sie bekommt schnell heraus, dass man sich mit einigen Verrenkungen, mit Rütteln und Schütteln ein paar Zentimeter vorwärts bewegen kann. Sie versteht jetzt aber auch, dass die Kiste, ohne Lokomotive, kein „Selbstläufer“ ist.

Als ich Selassie aus Ghana, kanthari Absolvent von 2018 und damals ein glühender Verfechter der Mikrokredite als Wunderwaffe gegen Armut diese Analogie unterbreite, fängt er schallend an zu lachen: „Klar dass Du so denkst …!“. Dann wird er nachdenklich und zu meinem Erstaunen fügt er hinzu, „Ich finde das Bild aber gar nicht so verkehrt“.

In den nächsten drei Blog-posts tausche ich mich mit kantharis aus, die sich mit der Vergabe von Kleinkrediten auskennen oder selbst einmal Nutznießer davon waren. Ich werde mögliche Erfolge beleuchten, mich aber auch kritisch mit dem Thema auseinandersetzen. Und schließlich geht es mir auch um die Darstellung von Alternativ-Konzepten.

Als Erstes spreche ich mit Selassie. Wir beide erinnern uns noch gut an die äußerst hitzigen Debatten, in denen er mir vorwarf, am wesentlichen Mitteln zur Armutsbekämpfung zu zweifeln. Ich schleuderte ihm darauf entgegen, dass das Mikrofinanzwesen vielleicht als oberflächliche Symptombekämpfung durchginge, aber keine Methode zur nachhaltigen sozialen Veränderung sei und auch die Umwelt durch Mikrokredite nicht sauberer werde.

Heute, zweieinhalb Jahre später, haben wir uns abgekühlt und er erzählt mir von seinen unmittelbaren Erfahrungen. Und ich muss zugeben, ich bin begeistert, denn die Beispiele, die er anführt und die Methoden, mit denen er vorgeht, sind durchaus logisch und überzeugend.

Selassie ist der Gründer und Direktor von Eyata, einer Organisation, die sich zunächst einmal hauptsächlich an alleinstehende Frauen wendet. Sie bekommen einen intensiven Kurs in Fashion Design und in Business Administration. Dabei lernen sie sowohl kreativ zu arbeiten, aber auch die Produkte zu verkaufen. Sie lernen alles, von der Aufstellung von Budgets über Buchführung bis zu Management von Mikrokrediten.

So intensiv auf die Mikrokreditvergabe vorbereitet, werden sie zu erfolgreichen Kreditnehmerinnen, die ihre Raten rechtzeitig mit Zinsen zurückzahlen und Nachfolge Kredite beantragen können.

Da ist zum Beispiel Emmanuela, eine Frau in den Zwanzigern. Sie näht leidenschaftlich gern, hatte aber aus finanziellen Gründen nie die Möglichkeit, eine Schneiderlehre zu beginnen. Bei Eyata lernte sie sowohl das Schneider Handwerk als auch Mode Design und wurde darauf vorbereitet eine Geschäftsidee zu entwickeln und diese durch Mikrokredite zu finanzieren. Durch den ersten Kredit erwarb sie eine Nähmaschine. In kürze konnte sie die Raten zurückbezahlen und bekam einen Nachfolge-Kredit, mit dem sie einen kleinen Schuppen bauen konnte. Damit hat sie nun eine Nähwerkstatt und gleichzeitig einen kleinen Laden. Mittlerweile hat sie bereits eine Angestellte und kann ohne Weiteres gut von dem monatlichen Einnahmen leben.

Ein anderes Beispiel ist Grace. Sie ist schon ein wenig älter und hat alleine drei Kinder zu versorgen. Den gewalttätigen Mann hat sie vor die Tür gesetzt. Zwischenzeitlich konnte sie im Dorf bei der Tomatenernte helfen und sich und ihre Kinder durch den Erlös über Wasser halten. Doch wenn die Ernte einmal ausfällt, ist auch für Grace nichts mehr übrig. Durch Eyata bekam sie ihre erste Ausbildung und sie machte ihre Sache gut. Sie war kreativ und entwarf Hochzeitskleider. Von den Restmaterialien schneiderte sie hübsche Einkaufstaschen. Während des COVID Lockdowns blieb sie nicht untätig. Aus bunten Stoffen fertigte sie modische Masken an, die gerne auch von Städtern getragen werden. Heute kann sie ohne Probleme drei Kinder in die Schule schicken. Ihr haben die gewährten Mikrokredite aus der Patsche geholfen.

„Grace erinnert mich an meine eigene Mutter. Auch sie hätte es durch Mikrokredite leichter gehabt“, sagt Selassie. Selassie selbst hat große Armut erfahren. Seine Mutter war geschieden und musste ohne eine Arbeit zwei Kinder durchbringen. Wie Grace erntete sie Tomaten und konnte mit viel Aufwand dafür sorgen, dass Selassie und seine Schwester die Schule besuchen konnten. Selassie erinnert sich, wie beide Kinder in der Schule verspottet wurden. Die Uniformen waren zerrissen und sie hatten keine festen Schuhe. Oftmals mußten sie barfuß in die Schule gehen. Auch zum Mittagessen konnten sie sich nichts mitnehmen und so starrten sie hungrig auf die Leckereien der anderen. Er erinnert sich, wie einige Klassenkameraden Spottlieder dichteten und sich über ihre hungrigen Blicke lustig machten.

Wann immer er konnte, lief er zur Bibliothek, die eine Stunde Fußmarsch von seinem Dorf entfernt lag. Statt mit den anderen Jungs herumzuhängen, sorgte er durch harte Arbeit für einen ausgezeichneten Schulabschluss.

Als er ans kanthari Institut kam, hatte er bereits eine Organisation ins Leben gerufen, die alleinstehende Mütter mit Mikrokredit-Verleihern in Verbindung brachte. Bei kanthari bekam er das Rüstzeug zur Ausweitung seines Projektes und wurde mit dem Aspekt der sozialen Wirksamkeit vertraut gemacht. In vielen hitzigen Debatten musste er sich und seine Methode behaupten und bis zu einem gewissen Grad konnte er uns davon überzeugen, dass seine Hilfestellung durch Mikrofinanzierung bei ohnehin unternehmerischen Frauen auf durchaus fruchtbaren Boden stösst.

„Unsere Kindheit war überschattet von Gefühlen der Scham. Wir fühlten uns schuldig, arm zu sein. Meine Mutter und wir Kinder hätten von diesen Möglichkeiten, die ich den Frauen heute gebe, sehr profitieren können.“

2. Die Grameen Bank
„Ich glaube daran, dass wir eine Welt ohne Armut kreieren können, denn Armut ist nicht von Armen verursacht. Sie ist vielmehr durch unsere Wirtschaft und durch soziale Systeme entstanden, Systeme, die wir für uns selbst geschaffen haben.“ – Muhammad Yunus

Muhammad Yunus, geboren im Jahr 1940, wuchs in einer muslimischen Großfamilie, in einem Dorf nahe der Stadt Chattigong auf. Damals gehörte diese Region zu Indien, dann wurde sie Ost-Pakistan und ab 1971 Bangladesch.
In den 60iger Jahren bekam er ein Stipendium und studierte Volkswirtschaft an der VanderBilt Universität in Nashville, Tennessee, USA.

Anfang der 70iger Jahre kehrte er in seine Heimatstadt zurück und wurde Professor für Wirtschaftswissenschaften. Die Professur allein schien ihn nicht zu erfüllen. Er ging hinaus zu den Armen und erkannte ihr Dilemma. Er sah sie als Gefangene in ihrer Armut, da sie keine Möglichkeiten hatten, durch Kredite von Banken finanziell unterstützt zu werden. Muhammad Yunus machte ein Experiment. Er selbst verlieh Gelder an Frauen, die damit eine langersehnte Business-Idee verwirklichen konnten. Die Bedingungen, die er stellte waren, dass sie sich in Haftungsgruppen oder auch “Solidaritätszirkel“ zusammentaten, um sich gegenseitig zu unterstützen. Sie sollten keine Luxusgüter von dem Kredit kaufen und es musste ein Zeitrahmen für die Rückzahlung des geliehenen Geldes mit Zins festgelegt werden.

Die Idee ging auf: Die Kredite wurden pünktlich zurückgezahlt und die Frauen konnten ein kleines Gewerbe gründen, was sie auch finanziell unabhängig von ihren Männern machte.

Seine Initiative wurde 1983 zur heute bekannt gewordenen Grameen Bank, ein Unternehmen, das den Armen selbst gehört und ihnen, besonders den Frauen Kleinstkredite, für eine geplante Geschäftsidee gewährt. Für diese Kredite brauchen die Frauen keinen Sicherheitsnachweis.

Die Grameen Bank und Muhammad Yunus erhielten 2006 den Friedensnobelpreis. Damit wurden Mikrokredite weltweit hoffähig.
Doch die eigentliche Idee, Kleinkredite an Arme zu vergeben geht bis ins 19. Jahrhundert zurück. Sowohl in Irland als auch in Deutschland durch Friedrich Wilhelm Raiffeisen wurden an Bauern Mikrokredite vergeben. Der entscheidende Unterschied, es handelte sich um zinslose Kredite. Das ist bei dem modernen Mikrokredit-Verfahren ganz anders. Aber zunächst einmal zum Prozess der Vergabe.

Mikro Kredite zwischen 25 bis 1’000 US$ funktionieren als Tor zur Selbstständigkeit nur dann, wenn gewisse Bedingungen gegeben sind:
1. Es muss ein Mikro-Finanz-Institut (MFI) gegründet werden. Oft handelt es sich um bereits bestehende NGOs, die sich vom Non-Profit Spektrum loslösen und, mit neuer Zielsetzung zu Mikro-Banken transformieren. Da diese Organisationen nun als gewinnbringend angesehen werden, können Kleinanleger und größere Finanzinstitutionen investieren. Das tun sie gerne, denn die Rückzahlquote ist mit 95 bis 100% außerordentlich hoch. Wie es zu einer solch hohen Quote kommen kann, darüber spekulieren wir im nächsten Blog.

2. Es müssten, wenn möglich, Haftungsgruppen gebildet werden. Man nennt sie auch „Solidaritätszirkel“. Die Mitglieder eines solchen Zirkels sorgen dafür, das alle die Raten rechtzeitig zurückzahlen. Dadurch können höhere Kredite aufgenommen werden. Wie solidarisch diese Solidaritätszirkel in Wirklichkeit sind, wird im nächsten Teil beleuchtet.

3. Die Antragstellenden müssen erklären, für was das Geld verwendet werden soll. Die MFI legt daraufhin die Raten und das entsprechende Zeitfenster der Rückzahlung fest. Für Unternehmenskredite muss eine Geschäftsidee vorliegen. Fernseher oder Radiogeräte dürfen nicht davon erworben werden.

4. Die komplette Summe mit Zinsen muss zurückgezahlt werden. Der Zinssatz liegt dabei oft bei über 20 bis 35%, also sehr viel höher als bei regulären Bankkrediten. Die Höhe wird durch den Mehraufwand gerechtfertigt, da die Mitarbeiter der MFI die Gruppen intensiv betreuen soll.

5. Die Kreditnehmenden werden durch die MFI beraten, sie bekommen Einführungsseminare und man hilft ihnen bei der Erstellung ihrer Businesspläne.

Ich halte all dies für einen guten und in vielen Fällen auch durchzuführenden Ansatz, aber nur wenn es mit genau dieser Sorgfalt von Statten geht. Sobald aber die Gier nach Wachstum ins Spiel kommt, läuft das ganze aus dem Ruder. Und die Lösung wird zum eigentlichen Problem. Die maßgeschneiderte Ausbildung, die individuelle Beratung und die Betreuung, die die Kreditnehmenden durch die MFI erhalten sollen, gehen verloren. Wenn das Konzept multipliziert wird, werden die zusätzlichen Dienstleistungen nicht mehr als Notwendigkeit, sondern eher als lästige zusätzliche Kosten angesehen.

Kurz gesagt Miras Kiste verliert ihre Lokomotive und diejenigen, die sich in der Kiste befinden, kommen nur durch heftiges Rütteln und Schütteln ein paar Zentimeter voran. Aber reicht das zur Bekämpfung der Armut?