Tag 36 – Ein Blick aus Spanien, dem Covid-Epizentrum Europas

Fleur (g.l.) mit Sabriye auf dem kanthari Campus

Liebe Leserinnen und Leser, die Ausgangssperre wurde, wie gestern verkündet, in ganz Indien bis mindestens den 15. Mai verlängert. Das bedeutet für unsere kantharis, besonders in den abgelegenen Gebieten Indiens, noch mehr Arbeit und für uns bedeutet das weitere Berichte, um Sie auf dem Laufenden zu halten. Wir möchten uns herzlich für Ihr Interesse und die großzügigen Spenden für die Soforthilfe bedanken und wir möchten Sie auch bitten, den Link des Blogs an Interessierte weiterzuleiten. 

Mit Grüßen aus einem gewittergepeitschten, aber noch COVID freien kanthari Campus, Sabriye Tenberken, PaulKronenberg und das kanthari Team.)

Ein Blick aus Spanien, dem Covid-Epizentrum Europas

(Von Fleur Rakutu, Übersetzerin des Blogs in Französisch und Spanisch und häufige Besucherin des kanthari Instituts)

Ich bin halb deutsch und halb französisch und lebe und arbeite zur Zeit in Madrid, wo ich unterrichte. In meiner Freizeit bin ich hauptsächlich Tänzerin und Fotografin, widme mich aber auch der Übersetzung, da ich sechs Sprachen spreche.

Mit der Coronavirus-Krise schickte mich meine Schule für bisher 40 Tage nach Hause. Und wir wissen nicht wirklich, wie lange es noch dauern soll … Da ich kleine Kinder im Alter von 5 bis 7 Jahren unterrichte, entschied man, dass ich nicht über das Internet am Fernunterricht teilnehmen kann, somit bin ich entbehrlich und damit vorübergehend arbeitslos.

Arbeitslosigkeit bedeutet, dass der Staat uns mindestens einen Teil unseres Gehalts zahlen soll (70 bis 80%). Der Staat weiß noch nicht, wie und wann er zahlen kann: Die Zahlung kann sich um mehrere Monate verzögern. Ich lebe alleine, muss Miete und Schulden zahlen … und wenn möglich essen.

Ich befinde mich zu Hause, unter Hausarrest (dieses Wort entspricht der Wahrheit am besten): in einer Mini-Wohnung eingesperrt zu sein, ohne entscheiden zu können, was ich will oder kann und ohne mein Zuhause verlassen zu dürfen… genauso werden gefährliche Kriminelle wie reuige Mafiabosse oder Drogenhändler behandelt. Aber ich gehöre zum gefährdeten Personenkreis, mit meinem Asthma und meinen Lungengeschichten, und wenn ich nicht auf dumme Weise sterben will, muss ich mich anpassen.

Um mindestens die Zeit totzuschlagen, helfe ich meiner Cousine Sabriye, den kanthari Blog und Artikel zu übersetzen … und jetzt füge ich diesem Blog eine kleine Sichtweise aus Europa hinzu.

So dachte ich bei der Übersetzung von Chacko Jacobs Blog über Sherin Noordheen an meine Freundin Carmen. Meine Freundin Carmen ist Psychologin, nicht irgendeine Psychologin, eine geschätzte Psychologin, bekannt genug um „normalerweise“ nichts anderes zu tun, als von Konferenz zu Konferenz auf der ganzen Welt zu fliegen.

Plötzlich (zum Glück war sie hier und nicht auf ihrer geplanten Reise nach Chile) hörte alles auf. Wie wir alle, ist sie zu Hause eingesperrt. Aber im Gegensatz zu mir (mit „stabiler Beschäftigung“ und Arbeitslosengeld), ist Carmen unabhängig. Als solche, hat und wird sie kein Einkommen haben, bis sie zur Arbeit zurückkehrt! Im Moment ist sie diejenige, die mir Geld leiht, um Lebensmittel zu kaufen … Sollte sie als Psychologin (spezialisiert auf Trauer und Tod) nicht vom Staat für zukünftige Unterstützung in Betracht gezogen werden?

Wie Chacko Jacob in seinem Beitrag fragt: Ist die Welt bereit für die vielen psychischen Erkrankungen die jetzt auftreten werden? (Tod, posttraumatische Belastungsstörung, Erschöpfung der Ersthelfer, Eltern, die mit ihren kleinen Kindern und misshandelte Frauen, die mit ihren Henkern eingesperrt sind, Selbstmorde und Arbeitsplatzverluste…)

Nun nein: Als Psychologin wird sie nicht einmal berücksichtigt!

Selbst wenn Masken vom Staat in Apotheken verteilt werden, werden sie nur gegen Vorlage der Krankenkassekarte ausgegeben und sie wird wahrscheinlich keine bekommen: Autonome Psychologen haben keine staatliche Krankenkasse, nur Private! Ich werde diese Masken haben… sowie zwanzig zusätzliche Kilos aus Bewegungsmangel! Denn Europa bedeutet auch, Übergewicht aus Bewegungsmangel zu bekommen, während andere Menschen in anderen Ländern um ihr täglich Brot kämpfen müssen!

Als Tänzerin habe ich viele Läsionen: gebrochene Kniescheiben an beiden Knien, verschiedene Frakturen, die sich erholen, und degenerative Schmerzen aufgrund des Alters. „In normalen Zeiten“ ging ich jede Woche zu Emi, meiner Osteopathin. Dank ihr musste ich mich nicht den Operationen unterziehen, die die Ärzte mir lieber anboten!

Seit dem Hausarrest konnte ich Emi nicht mehr sehen und meine Gesundheit ist beeinträchtigt.

Aber erst durch die Übersetzung von Mark Sabwamis Blog wurde mir klar, wie wichtig Hände und Finger sind, für Blinde, die mit ihren Fingern lesen und sehen… und für Emi, meine Osteopathin, die mit ihren Fingern die Knochen meines Körpers liest und wiedereinrenkt! Wie Mark Sabwami sagt, ist das Berühren von Oberflächen und Gegenständen für Blinde, oder das Berühren von Knochen und Körpern für meine Osteopathin (und alle ähnlichen Berufe) in Zeiten des Coronavirus eine Gefahr! Und wie meine Cousine Sabriye sagt, wirkt sich dieses ständige Händewaschen auf den Tastsinn aus!

Die Ärzte an der Front des Coronavirus tun mir richtig leid. Hier in Europa gehen die Menschen jeden Tag um 20 Uhr an ihre Fenster oder Balkons und applaudieren, um den Ärzten zu danken.

Aber es geht auch anders: In einer spanischen Stadt, Alcázar de San Juan (Ciudad Real), lautete eine Nachricht an der Tür eines Arztes:

„Hallo Nachbar. Wir kennen Ihre gute Arbeit im Krankenhaus und es wird geschätzt, aber Sie müssen auch an Ihre Nachbarn denken. Hier gibt es Kinder und ältere Menschen …“ so beginnt der Text, der ihn darüber informiert er solle sich lieber davon machen.

Als ich meine Schwester informierte, war sie keineswegs überrascht und sagte, in Frankreich passiere das täglich! Es gibt auch Rassismus gegen Chinesen. Selbst intelligente und kultivierte Menschen, wie mein bester Freund, machen rassistische antichinesische Kommentare. Ohne daran zu denken, dass das Coronavirus vorübergehen wird, rassistische Diskriminierung aber bestehen bleibt. Dagegen gibt es keinen Impfstoff! Die wahre Natur des Menschen kommt jetzt ans Licht: Die einen helfen sich gegenseitig; andere spionieren sich aus, täuschen, zeigen an oder beleidigen sich.

Zum Abschluss, eine kleine Note Humor, um dunkle Ideen zu vertreiben:

In fast allen Ländern Europas haben die Staaten ähnliche Gesetze erlassen. Ausnahmen während der Ausgangssperre: Höhere Gewalt oder man besitzt ein Haustier. Und … ich habe einen Hund! Mein Hund ist meine einzige Freude und Unterstützung. Ohne ihn …

In Frankreich, dem Land, in dem Hunde gesetzlich dem Menschen fast gleichwertig sind, wurden in der Corona Krise die Hunde massenhaft ausgesetzt!

In Spanien hingegen „leihen“ oder „vermieten“ Menschen ihren Hund gegen Geld an ihre Nachbarn oder Freunde. Einige Hunde waren noch nie so oft Gassi wie jetzt!

Ein Hundebesitzer (aus Palencia) wurde jedoch kürzlich von der Polizei festgenommen: Er ging mit einem Plüschtierhund spazieren! 

Hier finden Sie das Video dazu: 

 

Und es wurde ein Mann verhaftet, weil er mit seiner Goldfischschale herumgelaufen ist!

Seit gestern, dürfen Kinder bis 14 wieder raus und ich frage mich: werde Eltern auch ihre Kinder vermieten?