Tag 38 – Corona befreit die Sklaven von Libanon und macht sie zu Obdachlosen

Rahel währnd einer Demonstration

Sie hatten schon lange nichts mehr. Seit neun Monaten, seit der internen politischen Krise im Libanon, wurden keine Dollars mehr ausgezahlt und damit gab es für die meisten keine Gehälter. Viele lebten zwar noch in den Häusern ihrer Ausbeuter, doch heute, mit der Corona Pandemie stehen sie jetzt vor der drohenden Obdachlosigkeit und kämpfen täglich ums Überleben. Es geht um Zehntausende äthiopische Hausangestellte, die durch Covid19 Krise endgültig den Job verloren haben und jetzt nicht wissen, wie sie in ihr Heimatland zurückkommen können.

Das Thema heute am Tag der Arbeit ist das Schicksal der mehr als 250,000 ausländische Frauen, die seit Jahren die libanesischen Haushalte führen. Sie kochen, putzen, waschen die Wäsche, hüten Kinder und Hunde… das geht 10 bis 12 Stunden am Tag, sechs Tage in der Woche … 150 bis 300 US$ im Monat kostet den Arbeitgebern der Spaß. Und als Bonus gibt es in vielen Fällen sexuelle Übergriffe und physische Gewaltexzesse. “Nein, es ist nicht übertrieben von Sklaverei zu sprechen!” Rahel Zegeye, kanthari Absolventin von 2017 weiß genau, wovon sie redet. Sie kam aus Äthiopien wie die meisten der Hausangestellten in Libanon. Mit 19 Jahren stand sie mit einem Koffer und vielen Hoffnungen in der Vermittlungsagentur, um von ihrer ersten “Madam” in Augenschein genommen zu werden. Damit begann das Martyrium.

Heute ist Rahel Filmemacherin, Aktivistin, und sie ist Gründerin von Mesewat, einer Organisation, die sich für minimale Arbeitsrecht für ausländische Hausangestellte einsetzt.
Damit lebt sie gefährlich, denn als sie vor knapp einem Jahr einen Arzt den fahrlässig verursachten Tod einer krankenhausreif geschlagenen Angestellten vorwarf, der Arzt war mit der Familie befreundet und wollte scheinbar die belastende Aussage verhindern, da meinte er nur, sie solle sich vorsehen, dass sie auf Gehwegen nicht zufällig von einem Auto angefahren würde.

In einem eindrücklichen Spielfilm über Rahels eigene Lebensgeschichte und die vieler ihrer Leidensgenossen, erfuhren wir zum ersten Mal von den Zuständen der Migranten im Mittleren Osten.

Ausländische Hausangestellte leben in vollkommener Abhängigkeit von ihrem Arbeitgeber. Meistens ist es die selbst unterdrückte Ehefrau eines wohlhabenden Geschäftsmannes, die ihre Frustration an den jungen Frauen auslässt.

Nach Schätzungen werden wöchentlich zwei bis vier äthiopische Hausangestellte tot aufgefunden. Ob sie sich selbst das Leben genommen oder andere nachgeholfen haben, bleibt oft aufgrund von Desinteresse der äthiopischen und libanesischen Behörden ungeklärt. Viele junge Mädchen reißen aus und wählen lieber ein Leben in der Prostitution als sich weiter erniedrigen zu lassen.

Es geht um die ärmsten der Armen, die mit vermeintlich sicheren Job-Perspektiven, ohne Bildung und ohne Sprachkenntnisse in den mittleren Osten gelockt werden und da den modernen “Sklaventreibern” ausgeliefert sind. Sie werden praktisch zu rechtlosen, Arbeitsschutzgesetze gelten für sie nicht, denn sie fallen unter das Kafala System, ein System, in dem die Arbeitgeber zu “Sponsoren” (Kafeel) werden. Der Kafeel bestimmt darüber, ob die Hausangestellte das Land verlassen oder den Job kündigen darf. Meistens ist es die Dame des Hauses, die über den Reisepass, das Geld und das Leben und die Gesundheit der Hausangestellten die volle Kontrolle hat.

Rahel erzählte: “Manchmal, wenn die Laune meiner Madame wieder unerträglich war, musste ich tagelang ohne Essen auskommen. Irgendwann packte mich dann der Hunger. Da war ein Stück Schokolade im Kühlschrank, das nahm ich mir und ich weiß noch, wie meine Hände zitterten. Aber bevor ich noch den ersten Bissen genießen konnte, tauchte sie schon hinter mir auf. Sie schrie mich an und schlug mir ins Gesicht. Um weiterer Prügel zu entkommen, musste ich mich einschließen. Später erfuhr ich, dass sie vor meiner Zeit eine andere Hausangestellte in rasender Wut vom Balkon geworfen hatte. Sie starb an inneren Verletzungen und meine Madame wurde auf eine schwarze Liste gesetzt. Trotzdem schaffte sie es, mich zu bekommen, denn ihr Mann wurde offiziell “Kafeel” also Sponsor. Er war nicht oft da, aber wenn er im Haus war, stellte er mir nach. Und wenn ich mit den Kindern allein war, wurde ich von denen Misshandelt. Ich hatte damals keinen rückzugsraum. Ich schlief in einem Bett hinter dem Bad. Nach drei Monaten konnte ich weglaufen, doch damit wurde das Leben nicht gerade einfacher!”

Der Film, für den Rahel das Drehbuch schrieb, die Regie führte und sogar die Hauptperson spielte, zeigt ihre Odyssee von Familie zu Familie, von täglicher Folter, Vergewaltigung, Obdachlosigkeit und von wenigen glücklicheren Fügungen, in denen sie einen “normalen” Arbeitsvertrag bekam und erstmals wie ein Mensch behandelt wurde.

Rahel gab mir während des kanthari Programms eine Privatvorführung. Sie beschrieb mir die Szenen und übersetzte die arabischen Dialoge. Manchmal stockte sie, wir hielten den Film kurz an und ich wartete bis sie wieder zu sich kam. Rahel hatte sich selbst gespielt und eine in Libanon bekannte Schauspielerin spielte ihre “Madame”.  Hier ein Dialogausschnitt aus einer Szene in der die Madame mit Azebe, einer anderen Hausangestellten: “Komm her, dummes Ding! “ach, warum bin ich bloß so schlecht drauf? Ja, klar! Weil diese Tiere für mich arbeiten! Bring mir die Creme! Nein! nicht die Gesichtscreme, die Körpercreme. Dumm, einfach dumm! …” Die Szene endet damit, dass Azebe der frisch aufgegossene Tee ins Gesicht geschüttet wird.
Rahel erzählte von den verstörenden Dreharbeiten. Die Schauspielerin sei so gut gewesen, dass die Hausangestellten selbst gar nicht wirklich ‚spielen‘ mussten.

Heute arbeitet Rahel, neben ihren vielen anderen Tätigkeiten, für einen armenischen Anwalt, der sie hier in Kerala bei ihrer Abschlussrede Besuchte. Die kanthari TALKS finden jährlich vor einem großen Publikum statt.

Nach den Reden, in denen die Teilnehmer ihre Lebensgeschichte mit der geplanten sozialen Initiative verbinden, gibt es immer eine zehnminütige Befragung durch eingeladene Experten. In Rahels fall war diese Befragung besonders eindrucksvoll, denn jetzt sprang Bedros, ihr bereits 80-jähriger Arbeitgeber auf die Bühne und gemeinsam machten sie das Publikum sprachlos. Bedros bestätigte alles, was die gebannten Zuschauer in den kurzen Filmausschnitten sahen. Und wer bis dahin immer noch glaubte, es sei ja nur ein Film und da müsse man ein wenig übertreiben, dem wurde durch Bedros engagierte Beiträge schnell klar, dass es noch viel schlimmer sei.

In der Tat ist Rahel eher zurückhaltend, wenn sie ihr eigenes Schicksal beschreibt.

“Sie lebt nicht für sich, sie ist bescheiden,” sagt Bedros, “jeder Dollar, den sie bei mir verdient wird in Mesewat und in die Nothilfe gesteckt. Damit hilft sie den Frauen, die, wie sie vor Jahren, vor ihren Sponsoren und Peinigern davonlaufen, um sich in Sicherheit zu bringen.”

Zurzeit ist Rahel aber in Äthiopien gestrandet. Zehn Tage vor der weltweiten Ausgangssperre besuchte sie seit langer Zeit ihre Familie. Jetzt aber sitzt sie fest und versucht ihre Aktionen für die Migranten im Libanon aus der Ferne zu regeln.

“Ich gehöre nach Libanon! Die Frauen und ihre Kinder hungern, sie sitzen auf der Straße oder teilen sich mit 12 anderen Frauen einen kleinen Raum. 11 Hausangestellte, die mit mir im Kontakt standen, haben sich in den letzten Wochen das Leben genommen.”

Die Covid Krise scheint im Libanon als Klimax einer bereits lang schwelenden Krise wahrgenommen zu werden. Die Menschen, Einheimische wie Eingewanderte befinden sich am Rand der Zumutbarkeit und niemand weiß, wie Libanon sich nach der Krise verändern wird.

Fakten und Zahlen: aus ‘THEIR HOUSE IS MY PRISON’ EXPLOITATION OF MIGRANT DOMESTIC WORKERS IN LEBANON – von Amnesty International 2019
Im Libanon leben bei einer Bevölkerung von rund sechs Millionen Einwohnern über 250.000 Hausangestellte mit Migrationshintergrund. Sie kommen aus afrikanischen und asiatischen Ländern wie Äthiopien, den Philippinen, Bangladesch, Sri Lanka und Ghana stammen. Die überwiegende Mehrheit der Hausangestellten mit Migrationshintergrund sind Frauen.
Diese Zahlen berücksichtigen jedoch nicht, die Tausenden von Hausangestellten ohne Papiere, die keine Arbeitserlaubnis haben.

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