Tag 39 – Wir müssen leider drinnen bleiben!

Lorena mit einigen Kinder von Future Vision

„Es ist absurd. Jetzt, wo wir langsam unser Leben zurückbekommen und wieder vor die Tür dürfen, heißt es, Blinde und Behinderte bitte drinnen bleiben.“ Lorena fängt schallend an zu lachen, „sind wir Blinden mehr anfällig, weil wir das Virus nicht sehen?“

Lorena Acula, eine kanthari Absolventin von 2013, ist Gründerin von „Future Vision“

Sie kommt aus den Philippinen und leitet ihre Initiative, eine Wohngemeinschaft zur Integration von blinden Kindern und Jugendlichen in der Hauptstadt Manila.

Unnötige Einschränkungen in Frage zu stellen, war seit Lorenas Kindheit ein wichtiges Thema.

Sie schreibt: „Als jüngstes von sechs Geschwistern und als einzige Blinde in der Familie kann ich sagen, dass ich immer wie ein zerbrechlicher Gegenstand behandelt wurde. Ja, ich habe mich immer geliebt und umsorgt gefühlt, aber das schränkte mich auch sehr ein.“

Eine weitere Einschränkung war die Armut. „Mein Bruder sollte zuerst seine Ausbildung beenden, und wir alle mussten die Schule abbrechen. Wann immer ein Lehrer fragte, ob jemand von uns doch Interesse habe, ein Stipendium für die Oberschule zu bekommen, hob ich die Hand. Hätte ich auch meine beiden Füße heben können, um zu zeigen, wie sehr ich mir den Schulbesuch wünschte, ich hätte es getan!“

Eines Tages bot sich tatsächlich für Lorena die Gelegenheit, an einer integrativen High School in Manila zu studieren. Ihr Vater war dagegen, weil ihre Sehschädigung immer schlechter wurde. Er machte sich Sorgen und war fest entschlossen, sie nicht ziehen zu lassen.

Lorena erinnert sich an den Vorfall und lächelt verschmitzt: „Ich habe meinen Vater auf meine eigene Weise überzeugt. Ich weinte und wälzte mich heulend und schmollend auf dem Boden. Und dann bin ich gesprungen und habe geklatscht, als mein Vater endlich überzeugt war, mich gehen zu lassen! Hätte ich nicht so sehr geweint, wäre ich jetzt wohl nicht da, wo ich bin!“

Heute lebt sie zusammen mit 12 blinden Kindern und Jugendlichen in einem kleinen Haus mitten in Manila. Die Kinder kommen aus abgelegenen Gebieten, wo sie keinen Zugang zu Schulbildung haben. Sie kochen und essen gemeinsam, sie lernen, wie man putzt und wie man einen Haushalt führt. Und wenn die Kinder von der Schule nach Hause kommen, werden sie bei ihren Hausaufgaben unterstützt.

Lorena weiß, wie wichtig es ist, die Kinder während ihrer Schullaufbahn zu unterstützen: „Die Oberschule war für mich nicht einfach. Ich konnte nicht an allen Aktivitäten teilnehmen. Ich habe wirklich nicht so gut abgeschnitten, vor allem nicht in Mathematik und Naturwissenschaften“.

Sie hat aus ihren eigenen Schwierigkeiten gelernt und sorgt dafür, dass ihre blinden Kinder alle Hilfe erhalten, die sie brauchen, um in der Schule gute Leistungen zu erbringen.

„Wir haben Kinder in allen verschiedenen Schulen. Die Kleinen, die 5 Jahre alt sind, gehen bald in die erste Klasse. Die Älteste geht zur Universität. Aber gute schulische Leistungen sind nicht alles. Es ist ebenso wichtig, unabhängig zu leben. „

Nach ihrem eigenen Schulabschluss war sie fast blind. Deshalb zog Lorena wieder nach Hause. Doch dieses Zuhause verwandelte sich in ein Gefängnis.

„Ich hatte nie die Freiheit, die Dinge im Haus selbst zu tun. Man musste mir alles aus den Händen reißen, man ließ mich keine Hausarbeiten erledigen, und glaub mir! Sogar bis zu meinem 18. Lebensjahr musste mich meine Schwester baden, schrecklich, nicht wahr?“

Niemand hatte ihr jemals beigebracht, zu kochen und zu putzen, und als sie still protestierte und ein etwas kochte, wurde das nicht wirklich gewürdigt.

„Sobald alle gingen, war das Essen immer vorbereitet und auf dem Tisch aufgestellt. Ich erinnere mich, meine Eltern und Schwestern sind irgendwohin gegangen und ich blieb wie üblich zu Hause zurück. Ich durfte in der Küche nichts anfassen, vor allem nicht den Herd. Aber das zubereitete Essen war so trocken, dass ich eine Suppe dazu essen wollte. Ich erhitzte Wasser und kochte eine Nudelsuppe. Eigentlich war es das erste Mal, dass ich einen Herd anzündete, es war mir nie erlaubt, mit Feuer zu hantieren. Was aber für eine Freude, das zu essen, was ich mir zum ersten Mal gekocht hatte. Ich hatte das schmutzige Geschirr absichtlich stehen lassen und als sie kamen, waren sie überrascht. Natürlich gab es keinen Applaus, aber das war mir egal! Zumindest hatte ich mit meiner Suppe auch ein wenig Unabhängigkeit geschmeckt. Es war ein erster Ausbruch aus der Kontrolle der Sehenden.“

Trotz der Tatsache, dass sie einen weißen Stock hatte, mochte es ihre Familie nicht, wenn sie sich damit zeigte. Sie musste ihn immer verstecken. Nur außerhalb war sie in der Lage, allein zu laufen.

Alles in allem gelang es ihr sich selbst aus dem Gefängnis zu befreien. Ihre Methoden: Heulen, Kochen und trotzdem mit dem Stock laufen. All das brachte sie dazu, ihr Traumprojekt zu realisieren.

„Auch die blinden Kinder meiner Kommune müssen aus ihrer Komfortzone herausspringen können und sie müssen in jeder Hinsicht unabhängig sein“.

„Und wie sieht es mit Mobilitätstraining aus?“ fragte ich,

„Minderjährige dürfen kein Mobilitätstraining bekommen, es sei zu viel Verkehr auf den Straßen. Und jetzt sind wir alle eingeschränkt. Keinem Blinden ist es erlaubt, allein zu gehen. Das ist Diskriminierung! Aber wenn ich mich beschweren will, sagen mir die Nachbarn, es sei zu gefährlich, den Mund aufzumachen.“

Das scheint nicht übertrieben. Denn aus der internationalen Presse erfuhr ich, dass die Philippinen weltweit die bei weitem strengsten Lockdown-Regeln haben. Während die Ungehorsamen, die ohne Passierschein unterwegs sind, hier in Indien lediglich ein bisschen verhauen werden, zog Präsident Rodrigo Duterte in Erwägung, die Lockdown-Sünder sogar zu erschießen, so würden sie genau wie Drogenhändler behandelt.

Lorena und ihre Begünstigten sind zu Hause sicher. Aber, ob mit oder ohne Krise, sie lebt immer am existenziellen Minimum. Das gesamte Haus mit zwei Mitarbeitern und 12 Kindern wird nur durch ihr Lehrer-Gehalt finanziert. Um Spenden zu erhalten, bräuchte sie eine Webseite, die über ihre wichtigen Aktivitäten und Spendenmöglichkeiten informiert. Auch gibt’s im Moment Probleme mit Essen. Lorena braucht ungefähr 500$ um über die Runden zu kommen.
Zu viel für die lokalen Unterstützer, denn nun geht es allen um das grundsätzliche Überleben. Solange sie noch drinnen bleiben muss, ist da draußen jemand, der ihr unter die Arme greifen kann?