Vom Übergangscamp zum grünen Dorf

Malak Alamar
2023 kanthari aus Jordanien

Malak Alamar kommt aus Jordanien. Sie besuchte als Kind für mehrere Jahre eine Schule in einem Flüchtlingscamp und wurde Zeugin, wie Flüchtlinge unter Hassreden und widrigen Lebensbedingungen litten. Auch sie hatte aufgrund ihrer palästinensischen Wurzeln bereits Diskriminierung erfahren. Sie verstand, schon in jungen Jahren, dass Flüchtlinge aber nicht nur unter der Feindschaft der lokalen Bevölkerung litten. Sie waren auch, mehr als andere, Opfer des Klimawandels. Daher beschloss sie, mittels ihrer Organisation “Sanaubar”, junge Flüchtlinge und Jordanische Jugendliche zusammenzubringen, um gemeinsam Lösungen für ein friedliches Zusammenleben zu finden und sich in Teams sich um eine klimafreundlichere Umwelt zu bemühen.

Vision einer klimaresilienten Gemeinschaft

Stellt Euch vor, Ein Flüchtlingslager, das bisher bei jedem Regenguss überflutet wird, kann in nächster Zukunft durch einen kleinen Teich, der als Damm funktioniert, geschützt werden! Stellt Euch die Hütten der Flüchtlinge vor, heute sehen sie grau und trostlos aus, doch bald werden sie renoviert und in unterschiedlichen Farben gestrichen. Und stellt Euch die Menschen vor, heute versuchen sie zu überleben, doch in der Zukunft genießen sie die Gemeinschaft in Camps, die nichts mehr von Übergangslager haben. Wir wollen sie zu begrünten Dörfern umgestalten. Hüttendächer werden mit kleinen Rasenflächen, Tomaten und Salat bepflanzt und selbst die Mauern werden als vertikale Gärten genutzt. Überall werden wir Bäume, Gemüse und Blumen pflanzen, Kinder werden in den Gärten spielen und die Älteren unter den Einwohnern werden entspannt auf kleinen Steinbänken sitzen und die kühle Brise des Mikroklimas genießen.

Familiengeschichte und persönliche Begegnungen

“Warum interessieren Sie sich in so jungem Alter für das Schicksal der Flüchtlinge, Sie sind doch selbst kein Flüchtling?!” Dies war eine Frage, die ich nach meiner Rede über Flüchtlinge in Jordanien vom Hohen Kommissar des UNHCR erhielt. “Ja, Sie haben recht!” antwortete ich scheinbar selbstbewusst. Doch innerlich war ich sehr nervös. “Ich persönlich bin kein Flüchtling, aber meine familiären Wurzeln liegen in Palästina. Als ich jung war, erzählte uns mein Großvater von dem Haus, das er aufgrund der Unruhen in Palästina durch die israelische Besatzung verloren hatte, was ihn und seine Familie zwang, nach Jordanien zu fliehen. Jetzt erleben die Syrer ähnliche Probleme. Wir sollten füreinander einstehen, denn Menschlichkeit sollte niemals von nationalen Grenzen abhängen.”

Frühe Konfrontation mit Flüchtlingsrealitäten

Schon in jungen Jahren wuchs ich mit Flüchtlingen auf. Meine Mutter arbeitet als stellvertretende Schulleiterin in einer Schule im größten palästinensischen Flüchtlingslager in Jordanien, und so ging ich seit meinem zehnten Lebensjahr gemeinsam mit Flüchtlingskindern zur Schule. Ich war also Teil des Lebens meiner Klassenkameraden. Und da ich schon früh gerne las und schrieb, entwarf ich Geschichten über meine Mitschüler, über ihr Leben und ihre Erfahrungen. Eine meiner Freundinnen erzählte mir, dass sie ihre Lehrerin sagen hörte: “Flüchtlinge sind nicht sauber, sie kümmern sich nicht um sich selbst und ihre Lager sind die größten Müllhalden!” Diese Worte schockierten mich.

Syrische Flüchtlinge in Jordanien

Im Jahr 2015 wurde Aleppo in Syrien angegriffen und zerstört, seitdem begannen große Gruppen syrischer Flüchtlinge die Grenze nach Jordanien zu überqueren. Aufgrund der steigenden Bevölkerungszahl, des Mangels an Ressourcen und der explodierenden Preise begannen Jordanier zu murren: “Sie nehmen uns die Arbeitsplätze weg und bekommen alles kostenlos! Sie leben sogar besser als wir!”

Da ich wußte, wie schlecht es um viele der Flüchtlinge bestellt war, machten mich diese Aussagen, die sich nur auf Hören-Sagen beriefen, traurig.

"Shama" und "Sanaubar"

Auch ich wurde in dieser Zeit kritisiert, denn zu Beginn des Bürgerkriegs hatte ich einen Blog eröffnet, in dem ich Geschichten von Flüchtlingen veröffentlichte, die ich im Laufe meiner Kindheit gesammelt hatte. Neben der steigenden Intoleranz gegenüber Flüchtlingen, neben Hassrede und Vorurteilen, gab es in den überfüllten Lagern auch physische Probleme.

Das Problem des Abfalls in den Flüchtlingslagern wurde zeitweise unerträglich. Darum starteten wir zusammen mit einigen Mitschülern “Shama” (Kerze), um durch das Bemalen von Bildern an den Schulwänden auf das Thema Abfall, Umweltverschmutzung und Umweltzerstörung aufmerksam zu machen.

Ein Roman als Stimme der Hoffnung: "Die fünfzehnte Nacht"

Im Jahr 2017 traf ich Farah aus Syrien. Sie ging in die gleiche Klasse wie ich und sie erzählte mir ihre Geschichte. Eine Bombe war in ihr Haus gefallen, ihre Mutter wurde getötet und ihr Bruder verlor seine Füße. Trotz allem oder vielleicht auch deswegen träumte sie davon, Krankenschwester zu werden. Ihre Geschichte von Trauer und Hoffnung inspirierte mich dazu, einen Roman zu schreiben, der recht erfolgreich war. Ich nannte ihn “Die fünfzehnte Nacht”, da der Krieg am 15. März 2011 begann. Er sollte als Stimme für Flüchtlinge dienen und den Menschen von ihren Herausforderungen und Träumen erzählen. Ich wollte Mitgefühl für die Flüchtlinge wecken, um das Zusammenleben zwischen Flüchtlingen und der jordanischen Bevölkerung zu verbessern.

Von der jüngsten Vertreterin zur Aktivistin

Mit siebzehn Jahren wurde ich als Sprecherin zur Internationalen Konferenz für Flüchtlingsangelegenheiten eingeladen. Ich erhielt den Ehrentitel als jüngste Vertreterin für Flüchtlinge in Jordanien, was mir ermöglichte, alle Flüchtlingslager im Land zu besuchen.

Und überall, wo ich hinkam, erlebte ich wie sie unter sehr ähnlichen Problemen litten. Sie fühlten sich ausgeschlossen von der jordanischen Bevölkerung, waren gestresst durch die vielen Menschen, die sich um wenige Ressourcen zankten und waren frustriert über die mangelnde Abfallentsorgung. Nach meinem Eintritt an der Universität im Alter von 18 Jahren studierte ich Jura und begann, mich intensiver mit Menschenrechten und Umweltschutz zu beschäftigen. Mir wurde klar, dass die Camps, die lediglich eine Übergangsfunktion hatten, extrem anfällig für Naturkatastrophen und den Klimawandel sind.

Die stetig steigenden Temperaturen im Wechsel mit Starkregen und sogar Schneestürmen, der begrenzte Zugang zu Ressourcen, die hochschnellenden Preise, Wasser und Benzinknappheit, all das führt zu Konflikten der Flüchtlinge untereinander und auch Konflikte zwischen Jordanier und Zugezogenen. All das führt zu Hassreden und Gewalt.

"Sanaubar" - Eine Plattform für Wandel und Zusammenarbeit

Da der Klimawandel das größte Risiko für die Verschlechterung der Situation in Jordanien darstellt, beschloss ich zu handeln. Ich möchte durch meine Organisation “Sanaubar” eine Platform schaffen, auf der Flüchtlinge und jordanische Jugendliche Seite an Seite nach Lösungen zur Bewältigung der Auswirkungen des Klimawandels suchen, um das Zusammenleben von Flüchtlingen und der jordanischen Bevölkerung in meinem Land zu verbessern.

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