Trauma zu Zweck – eine neue Chance für blinde Kinder

Olakunle Joshua
2023 kanthari Teilnehmer aus Nigeria

Ein schwerer Busunfall machte ihn vorübergehend blind, was ihn einen Einblick in das Leben von sehbehinderten Menschen gewährte. Diese spezielle Erfahrung weckte Olakunle Joshuas Leidenschaft für die Sonderpädagogik und besonders für blinde Kinder. Heute plant er daher die Einrichtung eines Kindergartens für frühkindliche Bildung für Sehbehinderte. “Swing High!” soll seine alternative Kinderkrippe heißen. Dort will er blinden Kleinkindern ermöglichen, dynamisch ins Leben zu starten. 

Trauma zum Zweck

An einem schicksalhaften Morgen, als meine Semesterprüfungen näher rückten, musste ich nach Hause fahren, um meine Eltern um die noch ausbleibenden Gelder für meinen Semesterbeitrag zu bitten. Ich machte mich auf den Weg und freute mich auf das Wiedersehen mit meinen Eltern, denn ich hatte sie monatelang nicht sprechen können. Ich stieg in einen Bus mit 18 Passagieren und während der Fahrt schien jeder in seine eigenen Gedanken versunken. Es war ruhig, bis auf das stetige Brummen des Motors, ein Geräusch, das mich ein wenig schläfrig machte. Plötzlich hörte ich ein sehr langes und lautes Quietschen der Reifen. Ich konnte den Fahrer sehen, wie er mit dem Lenkrad kämpfte. Im nächsten Augenblick sprang der Bus über die Schnellstraße. Es fühlte sich an, als würden wir wie ein Küken vor dem Fliegen auf und ab hüpfen. Ich wurde bewusstlos und daher weiß ich nicht genau, was genau passiert ist. Als ich die Augen öffnete, klemmten wir immer noch zwischen den Sitzen, allerdings mitten im Busch und überall war Blut. Vom Bus war nicht mehr viel übrig. 

Ein Jahr zuvor:

Politische Unsicherheit, die wirtschaftliche Krise und unzureichende Einkommensquellen führten in meiner Region und besonders auch bei meiner Familie zu Hunger. Inmitten all dieser Probleme bekam ich die große Chance, Medizin an der Universität zu studieren. Tatsächlich war es immer schon mein Traum, Arzt zu werden. Zur Universität gehen zu dürfen, versprach Aufregung. Aber es gab auch gemischte Gefühle, da ich wusste, wie schwer es für meine Eltern sein würde, mich finanziell zu unterstützen. Der Busunfall hatte kurzum meinem Traum ein unvorhersehbares Ende gesetzt. Nicht lange danach wurde ich sehr krank und war etwa zwei Monate lang völlig blind.

Diese Erfahrung gab mir einen direkten, wenn auch zeitlich begrenzten Einblick in das Leben eines Blinden. Ich fühlte mich unsicher und von allen um mich herum abhängig. Ich konnte meine Kleidung nicht selbst wählen, ich konnte nicht sehen, was sich auf meinem Teller befand, ich konnte weder meine Lieblingsfilme genießen noch meine alltäglichen Aktivitäten ohne eine Begleitperson erledigen.

Geht es allen Blinden so?

Im Rückblick sehe ich den Unfall jetzt als Wendepunkt. Während ich mich ängstigte, ob ich je wieder sehen könne, gingen mir viele Fragen durch den Kopf: Erleben alle Menschen, die blind werden, es so, wie ich es erfahren habe? Die Vorstellung, dass es Menschen gab, die nie wieder sehen könnten, war zu diesem Zeitpunkt unerträglich! Später im Leben lernte ich Personen kennen, die mit diesen Herausforderungen sehr gut umgehen konnten, blinde Menschen, die ihre eigenen Entscheidungen treffen, in Führungspositionen sind und ein Leben voller Abenteuer haben. Aber nicht jeder hat die Chance, diesen Weg zu beschreiten. Es kommt besonders auf das Training und bei blinden Kindern auf die frühkindliche Erziehung an.

Ich wollte mehr wissen und wechselte in meinen Studien von Medizin zur Sonderpädagogik, mit Schwerpunkt auf Hör- und Sehbehinderung. Hier habe ich viel über Brailleschrift, Mobilität und Orientierung gelernt, aber ich habe mich auch mit der Gebärdensprache auseinandergesetzt. Ich machte Bekanntschaft mit vielen hörgeschädigten, die mir von ihren Schwierigkeiten, in ein Krankenhaus zu gehen und über die Behandlung zu kommunizieren, erzählten.

Von Mitleid zu Empathie

Früher, vor meiner Begegnung mit Blinden und Gehörlosen hätte ich mir wahrscheinlich für alle ein heilendes Wunder gewünscht. Ja, ich war zu Beginn voller Mitleid. Aber nach meiner Ausbildung zum Sonderpädagogen verwandelte sich Mitleid zum Einfühlungsvermögen.

Nach meinem Abschluss bekam ich einen Job in einer Blindenschule in Lagos und ich habe mich ehrenamtlich in verschiedenen Sonderschulen engagiert, darunter in der Schule für Hörgeschädigte, in der Organisation für Down-Syndrom, in einer Einrichtung für Autismus und vielen anderen.

Während meiner Arbeit in der Blindenschule, traf ich auf Samson, der damals 12 Jahre alt war. Er war im Alter von zwei Jahren erblindet und wurde für zehn lange Jahre in einem Zimmer eingesperrt. Seine Mutter war alleinerziehend. Sie konnte keinen Kindergarten und später keine Schule für ihn finden. Niemand in ihrer Nähe akzeptierte das blinde Kind. Ich war schockiert zu sehen, dass er, ein 12-jähriger Junge, sich nur kriechend fortbewegen konnte. Und ich musste mich davon überzeugen, dass er keine weiteren Behinderungen als eine Sehschädigung hatte. Tatsächlich hatte ihn niemand beigebracht, wie man geht oder steht. Nach drei Jahren Physiotherapie konnte er alleine stehen und gehen, aber er ging niemals selbstbewusst und frei.

"Swing High!": Ein revolutionärer Kindergarten für blinde Kinder

Fehlende frühkindliche Bildung kann blinde Kinder daran hindern, sich wie jedes andere normsehene Kind zu entwickeln. Daher meine Idee, einen besonderen Kindergarten für Blinde zu gründen. Es soll sich dabei um ein Lernumfeld handeln, dass alles umfasst, was ein blindes Kind benötigt, um dynamisch ins leben zu starten:

Einen Abenteuergarten mit Bäumen und Steinen zum Klettern, mit einem Mini-Schwimmteich, Schaukeln in verschiedenen Formen, Rutschen und Wippen, mit Baumstämmen zum Balancieren, Ästen zum Budenbauen und geheimnisvolle Verstecke.

Ich stelle mir unterschiedlich große Tierfiguren aus Stein und Holz gemacht vor, an denen die Kinder lernen können, wie ein Elefant oder eine Giraffe geformt ist. Es wird kleine Hindernisparcours geben, damit schon die Kleinsten lernen, sich mit dem weißen Stock zurecht zu finden. Wir planen Rasenflächen für Ballspiele mit dem Klingelball, ein kleines Theater für Theaterstücke und Modeschauen, überall stehen Musikinstrumente zum Experimentieren, und vieles, vieles mehr! Ist das nicht ein Ort, zu dem jeder sein Kind schicken möchte?

“Swing High!” so wird mein Kindergarten heißen. Denn sobald unsere Kinder in die Grundschule kommen, werden die Lehrer begeistert sein und verstehen, dass die Aufnahme eines blinden Kindes nicht nur aus moralischer Pflicht geschieht, sondern, dass ein blindes Kind durchaus bereichernd für die gesamte Klasse ist.

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