Wenn das Streben nach Wissen die Armut mit Füßen tritt

Nancy Mbaura
Nancy Mbaura
2022 kanthari Teilnehmerin aus Simbabwe

Nancy Mbaura ist eine hoch engagierte Frau, die von frühester Kindheit an für ihr Recht auf Bildung kämpfte. Sie stammt aus einer eher abgelegenen Region, aus Norton/Simbawe.
Bekannt wurde sie dafür, dass sie eine Bierhalle in eine Schule für fast 2000 Kinder umfunktionierte. Die Schule finanziert sich heute durch eine Fahrschule. Hier bildet Nancy alleinstehende Mütter zu Lastwagenfahrerinnen aus.
Von Nancy können wir etwas Wichtiges für unsere Zukunft lernen, nämlich wie man aus wenigen Mitteln Großes erschaffen kann.

Nancy‘s Geschichte

Nach harter Arbeit beim Goldwaschen, Fische ausnehmen und nach dem Bestellen von Ackerland, gehen in meinem Distrikt Norton die Männer aus allen Gesellschaftsschichten in die Ngoni-Bierhalle, um ihre Kehlen zu kühlen und sich zu betrinken. Manche kommen, um Freunde zu finden, andere fliehen vor ihrer Verantwortung oder verstecken sich vor ihren kritischen Ehefrauen. Hin und wieder sieht man einige Männer, die zur lauten Musik in der Bierhalle tanzen. Sie verhalten sich, als ob ihnen die Welt gehört. Einige nutzen die Halle, um Prostituierte zu finden. In den dunkleren Ecken planen Diebe, Lokalpolitiker und zwielichtige Geschäftsleute ihre wöchentlichen Untaten. So ging es dort zu und her, bis wir uns die Bierhalle geschnappt und in eine Schule verwandelt haben.

Nun, das war nicht einfach. Die Männer waren gegen die Idee. Sogar Väter von Kindern, die keine andere Möglichkeit auf Bildung hatten, zogen das Bier und die Prostituierten vor. Als wir unsere Arbeit aufnahmen, wurde unsere Schule “Tamiranashe“ zum Stadtgespräch.

Mitleid

Heute sitzen die Kinder auf dem Boden, während ihr Lehrer Notizen auf eine behelfsmäßige Tafel schreibt, die aus zerbrochenen Holztüren und schwarzen Schiefertafeln besteht. Eine Glocke läutet, es ist Pausenzeit in der Tamiranashe-Grundschule. Viele Kinder strömen mit abgenutzten Büchern aus der Halle, die meisten tragen zerrissene Kleidung, sind barfuß und in ihren Gesichtern sieht man die Zeichen der Armut. In diesem Teil der Welt sind Schuluniformen ein Luxus. Aber trotz allem, viele Kinder sind fröhlich.

Ich hatte Mitleid mit den Menschen in meinem Viertel, die nichts als Armut erleben und deshalb so verletzlich sind. Aber wie steht es wirklich um die Psyche der Kinder, sind sie auch so verletzlich?

Stolz auf die Schule

Die Schule ist ein altes, schäbiges Gebäude mit viel zu kleinen Klassenzimmern, Wänden aus Pappe und keiner Möglichkeit Sport zu treiben oder Räume, in denen sich die Kinder sozialisieren können. Wenn ich also sehe, wie die Kinder die Schule trotzdem lieben und zu ihr stehen, dann denke ich an ein besonderes Wort: Resilienz.

In Tamiranashe geben wir denjenigen, die sonst auf der Strecke bleiben, einen Zugang zu qualitativ hochwertiger Bildung. Ein einfaches Ziel, das ich während meiner gesamten Kindheit verfolgte, aber mir so fern erschien. Meine Kindheit war ein einsamer Kampf für mein Recht auf Bildung.
In Simbabwe ist Bildung nicht kostenlos. Deswegen ist es für Kinder der Armen oft aussichtslos, zur Schule zu gehen. Oft musste ich meine Eltern anflehen, das Schulgeld für mich und meine jüngeren Geschwister zu bezahlen. Das war nicht leicht für sie, denn das Gehalt meines Vaters reichte nicht für alle vier von uns aus.

Schule als Ort der Zuflucht

Mit sieben Jahren wurde ich oft von den den Lehrer nach Hause geschickt, da wieder mal kein Geld da war. Als ich einmal alleine zu Hause war, nutze ein Nachbar die Situation aus und vergewaltigte mich brutal. Von diesem Tag an verstand ich, dass die Schule nicht nur ein Ort des Lernens ist, sondern auch ein Ort der Zuflucht!

Und dann stahl mein Vater Geld in seiner Firma, um uns zu ernähren. Er wurde zu einem Jahr Gefängnis verurteilt. Meine Mutter war so abhängig von meinem Vater, dass sie einen Zusammenbruch erlitt. Verwandte sorgten sich um sie und nahmen sie bei sich auf. Wir Kinder waren nun auf uns alleingestellt. Mit 12 Jahren wurde ich für meine jüngeren Geschwister die Mutter. Wir hatten kein Geld, um zu überleben. Täglich gingen wir auf den Markt, um bei den Verkäufern übrig gebliebenes, fast verdorbenes Gemüse zu holen.

 

Würmer aus Blättern entfernen

Weil sich die Nachbarn über uns beschwerten, holte uns unsere Tange eines Tages ab und wir zogen auf einen Bauernhof. Dessen Besitzer schämte sich nicht, uns Kinder hart Arbeiten zu lassen. Frühmorgens begannen wir auf den Tabakfeldern zu arbeiten, bis es Mittag wurde. Unsere Hauptaufgabe bestand darin, Würmer aus den Blättern zu entfernen.

Der Bauer war so “großzügig”, uns entscheiden zu lassen, ob wir für Geld oder für eine Ausbildung arbeiten wollten. Allerdings nicht für eine gute Ausbildung. Ein einziger Lehrer, der selbst kaum gebildet war, unterrichtete alle Klassen von eins bis sieben. Da saßen dann alle Kinder in demselben heruntergekommenen Klassenzimmer und lernten nicht viel.
Deshalb entschieden sich meine Geschwister lieber für das recht magere Gehalt und brachen die Schule ab. Ich jedoch lernte weiter. In meinem Inneren wusste ich, dass nur Bildung mein Ausweg aus diesem Gefängnis der Armut war.

 

Als Kind bereits Ersatzmutter

Nachdem mein Vater seine Strafe abgesessen hatte, zogen wir wieder in ein ländliches Haus. Mein älterer Bruder und seine Frau starben unerwartet und ich wurde zur jungen Ersatzmutter ihrer vier Kinder. Später heiratete ich einen Schuldirektor und brachte zwei eigene Kinder zur Welt. Diese Ehe hielt nicht lange. Als ich die Misshandlungen nicht mehr aushielt, verließ ich ihn und nahm alle sechs Kinder mit.

Wir zogen zurück aufs Land, denn das Leben in einer ländlichen Gegend war erschwinglich. Dort brauchten wir keine Miete für ein Haus zu zahlen. Trotzdem hatten wir kein Geld für Medikamente oder Seife. Aufgrund von Unterernährung und mangelnder Hygiene bekamen wir Hautprobleme. Einige meiner Kinder bekamen Würmer und die Lehrer verboten ihnen, die Schule zu besuchen.
Meine eigenen Kleider waren zerrissen und mein Haar sah wild aus. Wenn die Leute mich sahen, nannten sie mich “eine Verrückte!”.

Trotzdem machte ich weiter, denn innerlich wusste ich, dass das Leben für uns mehr zu bieten hatte.

 

Wunder

Und tatsächlich, eines Tages geschah ein Wunder. Alle meine Kinder erhielten ein Stipendium!

Das Leben begann sich zu verändern und die Sorgen verschwanden. Ich schrieb mich am College für Gender-Studies ein und bekam gleichzeitig einen Job im Ministerium für Frauen. Dieser Job war einzigartig, denn ich lernte dadurch, wie andere Frauen ums Überleben kämpfen mussten. Ich interviewte hunderte von alleinstehenden Müttern, Witwen, verheiratete Frauen und Mädchen im Teenageralter. Und aus diesen Erfahrungen heraus wurde der Tamiranashe Trust geboren. Ich erklärte den Frauen, dass man durch ein hartes Studium und einer Geschäftsidee die Armut bekämpfen kann. Aber als ich den Frauen sagte, sie sollten wieder zur Schule gehen, weigerten sich die meisten von ihnen. “Wie können wir studieren, wenn unsere Kinder nicht mal die Chance haben in die Schule zu gehen?!”

500 Schüler am ersten Tag

Als ich die psychische Last dieser Frauen sah, eröffnete ich eine Schule für ihre Kinder, indem ich Betrunkene aus einer Bierhalle vertrieb und mit einfachen Pappwänden Räume zum Lernen schuf.

Am ersten Tag wurden 500 Kinder eingeschult und schon bald zählten wir fast 2’000 Schüler für die Primar- bis zur Tertiärstufe.

Doch dann gab es Widerstand von Politiker, anderen Schulen, die Gebühren nahmen und vor allem von Männern, die ihre Bierhalle zurückhaben wollten, um sich zu betrinken. Tag für Tag kamen Bezirksbeamte und Polizisten und beschimpften mich vor den Augen unserer Schüler und Mitarbeiter. Das war so peinlich. Es war, als würde man des Mordes beschuldigt. Zum Glück standen die Mütter zu mir und reichten eine Petition ein. So wurde der Gerechtigkeit genüge getan und wir bekamen die Chance, weiterzumachen.

Das Streben nach Wissen besiegt die Armut

Wegen der großen Nachfrage sitzen unsere Schüler auf dem Boden oder auf einem flachen Holzbrett, das auf Ziegelsteinen balanciert. Die Lehrer, die für wenig Geld mehr als 80 Kinder auf einmal unterrichten müssen, sind es leid, vom frühen Morgen bis zum späten Nachmittag zu reden. Jetzt sind sie aber auch froh, dass es uns gelungen ist, ein Grundstück von 15 Hektar zu finden.

Das Grundstück ist flach, so dass wir keine weiteren Berge versetzen müssen. Es gibt viele schattenspendende Bäume und Steine. Um den verantwortungsvollen Umgang mit den natürlichen Ressourcen zu demonstrieren, werden wir neue Lernräume aus Lehm, Steinen und Gras errichten.

Schließlich erteilte die Regierung meinem Trust die Genehmigung, in vier Distrikten Simbabwes – Chegutu, Zvimba, Makonde und Mhondoro Ngezi – tätig zu werden. Jetzt haben unsere Schüler ihren eigenen Weg zur Bildung und sie verstehen, dass ihr Streben nach Wissen die Armut überwindet.

Oh… ein Detail habe ich vergessen. Mein erster Ehemann, der mich hinausgeworfen hat, ist jetzt bei mir als Lehrer angestellt!

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