Das Leben und die Arbeit in einem interkulturellen Kontext, so wie wir es hier im kanthari Institut erfahren, ist durchaus inspirierend. Wenn man aber nicht entsprechend vorbereitet ist, dann kann das Ganze auch nach hinten losgehen und im vollkommenen Chaos enden.
Daher konzentrieren wir uns in den ersten Wochen des campusinternen Programms überwiegend auf das Thema des interkulturellen Dialogs. Dafür erschaffen wir uns in jedem Jahr, in einzigartiger Weise neu. Wir schaffen eine neue Kultur mit eigenen Regeln, einem gemeinschaftlich erarbeiteten Verhaltenskodex, Prozesse zur Konfliktlösung und vereinbarte Verhaltensmuster in kritischen Situationen.

Jedes Jahr gibt es neue Teilnehmer, oft auch mit für uns ganz neuem kulturellen Hintergründen. Jede Kultur hält ihre eigene Überraschung bereit und so lernen wir mehr und mehr über regionale Bräuche, Verhaltensmassnahmen und Tabus.
Ruangtup Kaeokamechun, kanthari Absolventin von 2018, verglich während eines dieser Workshops Tabus aus den unterschiedlichsten Kulturkreisen. Und erst da wurde mir bewusst, wie sehr Gesellschaften von Tabus und vom Aberglauben in Schach gehalten werden können.

Ruang stammt aus Thailand, einem Land das oft von ausgewanderten Landsleuten als «lächelnde Diktatur» bezeichnet wird. Kritisches Denken, hinterfragen und freie Meinungsäusserung gehören im modernen Thailand zu unerwünschten Fremdeinflüssen. Im kanthari Programm ist jedoch das kritische Hinterfragen Teil vieler unserer Aktivitäten.

Die meisten unserer thailändischen Teilnehmer haben zunächst Probleme mit kritischem Denken und direktem Feedback. Für sie ist alle Kritik zunächst einmal negativ, selten aufbauend. Ruang ist da ganz anders. Vielleicht lag es an ihre Eltern, die, selbst Lehrer und interessiert an moderner Kindererziehung, darauf bedacht waren, dass Ruang und ihr Bruder Fragen stellten und sich selbst eine Meinung bildeten. Lesen war ein wichtiger Bestandteil der Meinungsbildung. Regelmässig nahmen sie die beiden Kinder mit in einen Buchladen, um sich dort ein interessantes Kinderbuch auszusuchen.

Von Yoshimi, einer japanischen kanthari Absolventin der ersten Generation von 2009, erfuhren wir, dass zwar die Alphabetisierung in Thailand ausgesprochen hoch ist, aber Kinder wie Erwachsene nicht aus Interesse oder Spass lesen, sondern nur für das Studium und die Schulbildung. Yoshimi, Selbst leidenschaftliche «Leseratte» ging daher nach dem kanthari Programm nach Thailand und richtete dort Bibliotheken ein, um die Menschen in lauschiger Atmosphäre zum Lesen zu ermutigen. (http://alwaysreadingcaravan.org/)

Ruang begrüsst Yoshimis Initiative, befürchtet aber, dass es für Kinder nicht so viele qualitativ hochwertige Kinderbücher in der Landessprache gibt. Als Kind ging ihr allzu schnell der Lesestoff aus und so las sie neben Kinderbücher beinahe alles, was ihr unter die Augen kam.

Das war vielleicht der Grund, dass sich Ruang, in für Thais recht ungewohnter Weise zur kritischen Denkerin entwickelte. In einem kürzlich erschienenen Artikel in ‚The Cloud‘, wird beschrieben, wie sie begann, die Schule und alle gelehrten Normen zu hinterfragen. Sie stellte Fragen zur Gesellschaft, zum Individuum und zu den vielen Tabus, die in Thailand den Alltag von Kindern wie auch von Erwachsenen kontrollieren.

Als Ruang das Thema «Tabu» ins kanthari Curriculum einbrachte, wurde der Begriff zunächst einmal mit Aberglauben verwechselt. Und in der Tat gehen Tabus und Aberglauben oft Hand in Hand. Doch es gibt einen entscheidenden Unterschied. Während Aberglauben oder Volksglauben durchaus Gesprächsthema sein dürfen, wird ein mit einem Tabu belegtes Thema aus jeder Konversation verbannt, so als ob es überhaupt nicht existieren würde. Die Liste von Tabus ist in jedem Kulturkreis unterschiedlich lang. Ruang bat mich einmal, einige Deutsche Tabus aufzuzählen und zunächst fiel mir bis auf den Verdienst oder die Inkontinenz nicht viel ein.

Ruang nannte dagegen eine ganze Reihe von Tabus, die in Thailand den Alltag einschränken.Man spricht nicht darüber, dass sich Eltern scheiden lassen und man vermeidet das Thema Behinderung.

Da Homosexualität zwar von der Gesellschaft grundsätzlich geduldet wird, überraschte es mich, dass das Thema LGBTQ Rechte und gleichgeschlechtliche Ehe zu den von Ruang genannten Tabu-Themen gehörten.

Ein großes Tabu-Thema ist Sex und damit auch Sexualkunde in der Schule. Auch das erstaunte mich, denn das eher verstörende Thema Sex-Tourismus wird in erster Linie mit Thailand in Verbindung gebracht. Ich hatte daher geglaubt, dass es sich bei der Thaikultur um eine durchaus sexuell freizügige Gesellschaft handelt.

Bekannt ist Thailand für die unter hohen Strafen stehende Kritik des Königshauses. Das geht sogar soweit, dass die Beschmutzung eines mit dem Portrait des Königs bedruckten Geldscheines verboten ist.

Und dann gibt es das ungeschriebene Gesetz, nicht über den Tot von Familienangehörigen, Freunden oder sogar Haustieren sprechen zu dürfen.

Als Ruang 12 Jahre alt war, stab ihr Vater. Aber sie und ihr Bruder durften nicht zur Einäscherung. Niemand sprach mit ihnen über den Tot. Und als Ruang sich aus Kinderbüchern Trost holen wollte, wurde ihr bewusst, dass auch hier das Thema Tot von nahen Verwandten ausgeklammert wurde. Schon damals beschloss sie, dass sich etwas ändern musste.

Heute widmet sie ihr Leben den Kindern. Gemeinsam mit Künstlern arbeitet sie an modernen Kinderbüchern, an Online Spielen, Liedern und an einer Webseite – kurzum sie arbeiten mit Medien, durch die sich Kinder über alltägliche Normen und über mit Tabus belegte Themen informieren können. Damit, so hoffen Ruang und ihre Mitstreiter, würden sich Türen zu einer neuen, offeneren Welt öffnen.

Ihre Webseite, «Hinghoy Noy» (kleines Glühwürmchen) beleuchtet die Dinge, die Kinder ängstigen, nicht weil sie wirklich gefährlich sind, sondern weil sie unausgesprochen im Dunkeln bleiben.

Mittlerweile ist Ruang für ihr mutiges Engagement überregional bekannt. Aus dem Online Artikel in The Cloud erfuhr ich über «The little Firefly Club» (den Glühwürmchen Club), einer digitalen Plattform, in die Kinder flüchten können, um in anonymen Chat-Räumen über alles, was sie beschäftigt, offen zu sprechen.

Ruang fühlt sich den «Artivisten», den violetten kantharis zugehörig.
Es gibt in unserer Einstufung der Teilnehmer mit ihren unterschiedlichen Motiven eine Farbskala, von Grün (Initiatoren), über Gelb (Erfinder), Orange (Unternehmer) Rot (Aktivisten), bis hin zu den violetten kantharis, die durch Kreativität etwas in der Gesellschaft verändern.

In diesem Sinne organisiert sie gemeinsam mit Künstlern auch Ausstellungen. In einer Ausstellung gelangen die Besucher in einen Klassenraum mit Tischen, Bänken und einer Tafel. Kinder dürfen den Raum gestalten, indem sie aus Schulheften Seiten herausreissen und ihre eigenen Ideen und Frustrationen aufschreiben. Diese Seiten werden dann zu Papier Fliegern gefaltet und im gesamten Ausstellungsraum an Fäden aufgehängt.
Ruang wird im The Cloud dazu folgendermassen zitiert: «Die Meisten glauben, dass Kinder nicht in der Lage sind komplexe Zusammenhänge zu verstehen. Ich glaube das nicht. Wir müssen ihnen endlich einmal mehr zutrauen.»

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