Adegbite Tobi Gabriel

Entojutu

Adegbite Tobi Gabriel – Nigeria 

Tobi, Biologe und Landwirt, sorgt sich um die umweltverschmutzenden, stinkenden und Methan freisetzenden organischen Abfälle. Diese verfüttert seine Organisation Entojutu an die Larven der schwarzen Soldatenfliege. Nach einer kurzen Aufzuchtsphase werden die Larven geerntet und getrocknet zu hochwertigem Tierfutter verarbeitet. Die Rückstände werden als organischer Dünger eingesetzt. Entojutu unterstützt Landwirte bei der Umstellung auf diese und andere umweltfreundliche Arbeitsmethoden.

Tobi sagt:

Als Umweltbiologe und Gesundheitswissenschaftler interessierte ich mich leidenschaftlich für die Landwirtschaft und absolvierte eine Ausbildung, um auf die “grosse und richtige Art” Landwirtschaft betreiben zu können. Auf dieser Reise wurde ich Zeuge dessen, was der gewöhnliche nigerianische Bauer in seinem Bestreben, die Nation zu ernähren, erlebt. Es war schockierend.

Ich habe gross versagt, nicht nur einmal, sondern zweimal. Die Probleme reichten von Unsicherheit über hohe Produktionskosten bis hin zum Klimawandel und vielem mehr. Auf der Suche nach Lösungen stiess ich auf ein weiteres Problem im Lebensmittelsystem. Nämlich die organischen Abfälle, die rund um meine neu errichtete Farm Umweltschäden verursachten. Deshalb gründete ich Entojutu, das sich auf die Lösung von zwei Problemen konzentriert: Nahrungsmittelknappheit und Probleme mit organischen Abfällen. 

Und wie? Entojutu nutzt die Larven der schwarzen Soldatenfliege, um städtische organische Abfälle in organischen Dünger umzuwandeln, und liefert hochwertiges Insektenprotein, das wasser- und klimaintensives Pflanzenprotein sowie übermässig geerntetes und erschöpfendes Fischprotein, das in Tierfutter verwendet wird, ersetzt.

Entojutu - Flies for Change

Sehen Sie sich Tobis inspirierende Abschlussrede bei den 2021 kanthari Talks an und lernen Sie, wie er die Larven der Schwarzen Soldatenfliege einsetzt, um städtische organische Abfälle in organischen Dünger umzuwandeln. 

Mehr zu Tobi

Fliegen für den Wandel

Adegbite Tobi Gabriel ist Biologe und Landwirt aus Nigeria. Landwirte in Nigeria stehen vor vielen Herausforderungen, die meisten Bauern sind hoch verschuldet. Zudem sorgt sich

Achterbahn

Achterbahn

Vor einigen Jahren überhörte ich ein Gespräch zwischen meinem Bruder und meiner Mutter. Meine Mutter hatte sich Stifte, Pinsel und Farben besorgt, eine Leinwand aufgespannt und wollte nun mit dem Malen beginnen. Doch da war die Angst vor dem Start, die Angst davor, die makellose, weiße Leinwand zu verschandeln. Mein Bruder ist Künstler und unterrichtet Zeichnen, Malen und Kunst-Installationen. Er kannte diese Anfangsangst von seinen Studenten und vielleicht auch aus eigener Erfahrung. “Nicht lange nachdenken”, meinte er. Kurzerhand gab er meiner Mutter einen Stift in die Hand und brachte sie dazu einfach loszukritzeln. Die Leinwand war nun nicht mehr sauber und unberührt und die Hemmschwelle, loszulegen war damit überwunden.

Ich habe diesen kleinen, aber sehr wirksamen Trick auf den Beginn eines Projektes übertragen. Nicht lange nachdenken, was alles schieflaufen könnte, einfach anfangen und daraus mehr werden lassen. Und tatsächlich, es funktioniert! Diejenigen, die den Mut haben, einfach loszulegen, erleben oft, dass sich die so überwundene Angst vom Anfang in eine Art Euphorie umwandeln läßt und viele erfahren, dass jeder Start, wenn man ihm nur eine Chance gibt, unter einer magischen Spannung steht.

Die Magie des Anfangs

Aus aktuellem Anlass, denn 16 unserer kantharis haben ihre betreute dreimonatige Startphase in der letzten Woche abgeschlossen, möchte ich in diesem Blog die Magie des Anfangs untersuchen. Dafür nutze ich auch Reflexionen eines unserer Teilnehmer. Es handelt sich um Biman Roy, einen kanthari aus dem letzten Jahrgang, der mit seiner Organisation BON in seinem Heimatdorf im indischen Westbengal, die traditionellen Bauern zu einer umweltschonenden und gesünderen Landwirtschaft bewegen möchte.

Biman hat einen interessanten Lebensweg hinter sich. Er stammt aus einem abgelegenen Dorf. Als Kind bestand sein Spielplatz aus Dschungel, Feldern, Bächen und schlammigen Teichen, in denen sich Kinder und Büffel gleicher Maßen suhlten. Dann kam er in die Schule und seine mathematische Begabung ebnete ihm den Weg durch Universitäten in Indien und Schweden, wo er schließlich seinen Doktor in Computer Wissenschaften machte. Doch während der gesamten Studienzeit, zwischen Computern und mathematischen Konzepten, vergass er nie die Leidenschaft für die “Wildness” seiner Heimat, die Mannigfaltigkeit der Früchte, Kräuter und Gemüsesorten und die schattigen uralten Bäume. 2021 war er so weit. Er ließ Europa und die Träume seiner Eltern, er würde irgendwann ein Professor für Mathematik werden, hinter sich und kehrte, mit einem siebenmonatigen Zwischenstopp im kanthari Institut, in seine Heimat zurück.

Jeder Beginn ist eine Achterbahn

Biman ist ein Zauderer. Er denkt zu viel und seine detaillierten Analysen stehen seinen Aktionen oft im Weg. Daher gab ich ihm den Rat: “Egal was du tust, fang einfach an.” Er folgte diesem Rat und stürzte sich gleich nach den Abschlussreden in Aktivitäten. Gemeinsam mit Akhina, ebenfalls einer Teilnehmerin der letzten Generation, reiste er von Kerala nach Odissa und besuchte unterwegs verschiedene Projekte. In Odissa traf er sich mit kanthari Absolventen, die ihm von ihren Startphasen erzählten. Einer von ihnen war Karthik, Gründer von Sristi Village, einem heute sehr erfolgreichen Projekt. Karthik kehrte unmittelbar nach kanthari erst einmal in seinen alten Job als Leiter eines Waisenheims zurück. Das sei aber keine gute Idee gewesen. Erklärte er den frisch gebackenen kantharis. Denn das große Selbstbewusstsein, dass er während der Monate im kanthari Institut aufgebaut hatte, sei durch seinen wieder hergestellten Alltagstrott völlig in sich zusammengefallen. Dazu gesellte sich die Skepsis von Familienangehörigen, Freunden und Kollegen. Karthik erlebte eine Depression, aus der er sich erst durch die Umsetzung seiner Projekt-Ideen befreien konnte. “Fangt so schnell wie möglich an und seht zu, dass ihr eure Hochstimmung in die Startphase hinüberrettet. Ihr werdet sie brauchen. Denn jeder Beginn ist eine Achterbahn!”

Nach drei Monaten, in denen die kantharis durch Ehemalige in ihren Anfängen begleitet werden, verfassen sie einen Abschlussbericht. Diese Berichte sind sehr spannend zu lesen, sie geben uns einen tiefen Einblick in die Lebensumstände jedes Einzelnen und sie geben Aufschluss über die emotionale Stärke, mit der sie die vielen Hindernisse überwinden und die mannigfaltigen Probleme lösen. 

Bimans Einschätzung

Besonders Biman’s Bericht spiegelt die Achterbahn des Anfangs, die wir, Projekt Initiatoren alle kennen, in sehr eindrücklicher Weise wider. Hier ein kleiner Auszug:

“Wenn ich auf mein dreimonatigen Projekt Beginn zurückblicke, dann sehe ich in mir drei unterschiedliche Persönlichkeiten:

Der Enthusiast (Januar, erster Monat): Am Anfang war ich unheimlich aufgeregt und dem entsprechend überaktiv. Ich habe online meine Projekte vorgestellt, mich mit potenziellen Begünstigten getroffen, ich habe versucht, meine Organisation zu registrieren, bin umhergefahren, um organisches Material und diverse Gemüsesaht zu sammeln und habe den Boden für die ersten Pflanzungen vorbereitet. Ich war von morgens bis abends beschäftigt, und in meiner Vorstellung war ich davon überzeugt, dass ich alles, was ich mir erträumt hatte, auch erreichen kann. Doch dann setzte die Realität ein.

Der Pessimist (Februar bis Mitte März): Die Leute, mit denen ich zusammenarbeiten wollte, waren nicht so motiviert, die Saat ging nicht richtig auf, ich konnte viele Fragen nach meinen Erklärungen und öffentlichen Auftritten nicht wirklich beantworten, die Registrierung meiner Organisation Bon ging nicht voran, denn bürokratisch war es ein einziges Durcheinander, und und und. Ich verlor sehr schnell meine Motivation und mein Selbstvertrauen ging den Bach runter! Hier war ich wieder einmal, “Mr. Overthinker”, ich war verwirrt darüber, was ich eigentlich tun wollte!
Der “Sag niemals nie”-Typ (Mitte März bis heute): Nach vielem Hin und Her, nach Selbstzweifeln und Selbstreflexionen scheint es, dass ich einfach handeln muss, ohne zu viel nachzudenken. Es ist genau wie Sabriye mir immer geraten hat. Anstatt mich auf 100 Dinge zu konzentrieren, habe ich beschlossen, mich vorerst nur auf ein Thema zu fokussieren, nämlich auf die Einrichtung von drei Modellgärten. Und das zahlt sich bisher gut aus. Es bringt mich wieder auf den richtigen Weg.”

Der nächste Schritt

In diesen Tagen ist Biman in Schweden, Dänemark und Deutschland unterwegs. Er spricht zu Studentengruppen, zu Umweltaktivisten und er knüpft wertvolle Kontakte mit potenziellen Unterstützern.

Seine Pläne für das nächste Jahr sind klar:

Drei Modellgärten, um die Menschen davon zu überzeugen, dass man auf wenig Grund, mit wenig Mitteln viele unterschiedliche Gemüsesorten pflanzen kann.
Acht Kurzfilme in lokalen Sprachen, um Bauern einen Einblick in erfolgreiche ökologische Landwirtschaft zu vermitteln,
Eine Dorfküche, in der mit ganz neuen natürlichen Nahrungsmitteln experimentiert werden soll, um den Appetit der Menschen auf abwechslungsreiche Nahrung zu fördern.

Und wie stehen Deine Eltern zu all dem?

Biman lacht. “Nun im Prinzip verstehen sie mich und meine Beweggründe. Aber natürlich sind sie auch typisch indische Eltern, die sich Sorgen machen und es nicht gutheißen, dass ein Doktor der Mathematik mit einer Fahrradkarre durchs Dorf fährt, um trockenes Laub für den Kompost zu sammeln.”

Nun, Die Achterbahn hat ihre erste große Runde beendet, die Leinwand ist für Biman bereits bekritzelt, jetzt ist es an ihm, mehr daraus zu machen.

born to be wild

“Alles ist schwierig, jeden Tag gibt es neue Herausforderungen. Aber zum Glück sind wir zu zweit. Wenn der eine mal aufgibt, hat der andere genug Energie, um uns wieder vorwärtszutreiben.” Niwas und Shivani, 2021 kanthari Teilnehmer aus Indien

Die Start-Up Phase

Die Berichte der beiden erinnern mich an unsere eigene Start-phase vor fast 25 Jahren. Damals hatten wir, Paul und ich, die verrückte Idee, in Tibet die erste Blindenschule zu gründen

Jetzt lausche ich den aufgeregten Berichten von Niwas und Shivani und ich fühle mich sofort in unsere eigene Vergangenheit zurückversetzt.
Ich erinnere mich an unseren Versuch, leere, hallende Räume durch sperrmüllreife Betten und Tische ein wenig bewohnbar zu machen,
An die allabendlichen recht kargen Mahlzeiten, dünne Reissuppe mit ein wenig Kohl und Chili Paste gewürzt. Zubereitet auf einem maroden Campingkocher. Mahlzeiten, die uns nur noch hungriger ins Bett entließen.

An die Nächte, in denen man nur unruhig schlief und bei jedem Knistern hochschnellte, um die Ratten, die es auf unsere dürftigen Lebensmittel abgesehen hatten, mit einem “Tschusch!” zu verjagen.
Und ich erinnere mich an das Gefühl nicht wirklich willkommen zu sein, obwohl man doch nur etwas zum Positiven verändern wollte.
Zum Glück waren wir, genau wie Niwas und Shivani, zu zweit, und wenn immer einer von uns die Nase voll hatte und alles hinwerfen wollte, hatte der andere eine Idee, wie wir diese oder jene Herausforderung meistern könnten. So kletterten wir über eine Hürde nach der anderen, bis wir heute schließlich in der Lage sind, andere zu ermutigen, weiter zu klettern.

 

Keine Anfänger mehr

Shivani und Niwas haben uns, den naiven Anfängern von damals, aber etwas Entscheidendes voraus. Sie sind keine Anfänger, sie wissen, was sie tun.
Fast ein Jahr haben sie, während dem kanthari Programm an ihren Ideen gearbeitet, haben ihre Projekte in einer virtuellen Welt ersten Stresstests unterzogen, sich vielen kritischen Fragen von Teilnehmern und Katalysatoren aussetzen müssen und sie haben klare Pläne und überzeugende Strategien entwickelt, wie sie jedes einzelne Problem in den Griff kriegen können.

Es handelt sich bei ihren Projekten um zwei unterschiedliche Ideen, die, aufeinander abgestimmt, sich zu unserem Erstaunen, äußerst gut ergänzen.
Shivanis großer Wunsch ist, mit ihrer neugegründeten Organisation “Wild” etwas zur Rettung der Artenvielfalt, der Wälder beizusteuern. Dabei konzentriert sie sich im Besonderen auf das Training von Frauen der Ureinwohner, die jenseits der großen Metropolen leben und durch die Ausbreitung der industriellen Landwirtschaft ihre traditionelle Anbaumethoden verloren haben. Zudem ist sie aufgrund ihrer eigenen Sehschädigung, daran interessiert, besonders auch Menschen mit Behinderungen in die natürliche Landwirtschaft zu integrieren.

Niwas möchte mit seinem Projekt Anantmool, eine Schule mit einem ganz eigenen Lehrplan gründen. Es geht ihm besonders um freien, zwanglosen Unterricht, in dem es keine Rolle spielt, ob man sich wie ein Junge oder ein Mädchen fühlt und sich dadurch auf ganz bestimmte Fächer, Aktivitäten oder Spiele beschränkt. In seiner Schule soll es keine Kastenunterschiede, keine Hierarchien geben. Die Lehrer werden mit ihrem Vornamen angesprochen, die Schüler dürfen über das zu Lernende mitentscheiden.

Es handelt sich um zwei große Visionen. Und daher traten wir im Geheimen mental auf die Bremse, als sie uns im Dezember verkündeten, dass die ersten Projekte schon im Januar starten sollten, und die Schule würde dann Mitte Februar eröffnet.

Sie machten aber ihr Versprechen wahr. Mitte Januar berichtete Shivani von ihrem Getreide Kaffee Projekt, dass sie gemeinsam mit ureinwohner und behinderte Frauen ins Leben riefen.

Und Niwas fand im gleichen Dorf eine alte verlassene Schule, die bis vor sieben Jahren von einer christlichen Organisation geleitet wurde. Irgendwann gingen aber die Gelder aus und die Kinder der Dorfeinwohner, die im 3 Kilometer Umkreis keine einzige Schule vorfinden, mussten ohne Bildung aufwachsen. Eine ganze Generation ist also nicht in der Lage, zu lesen, zu schreiben oder Hindi zu sprechen.

Doch plötzlich ging alles sehr schnell.

Doch plötzlich ging alles sehr schnell. Shivani und Niwas befreiten die Schule vom Wildwuchs, säuberten die Toiletten von schleimigen Maden und toten Insekten, sie renovierten die Klassenzimmer und befreiten den Spielplatz von Ästen und wucherndem Blattwerk und siehe da, die ersten Kinder tauchten auf und füllten den über Jahre verlassenen Schulhof mit Lachen, Schreien und dem Quietschgeräuschen der alten Schaukeln.

Und noch ein paar Tage später zählte ihre Schule 26 Kinder zwischen fünf und zwölf Jahren. Es handelt sich um Kinder aus der direkten Umgebung und solche die mehr als zwei Kilometer Schulweg durch Dschungel in einer Berglandschaft hinter sich bringen müssen, um am Unterricht teilnehmen zu können.

Einige Schüler sind Kinder der Frauen, mit denen Shivani bereits gearbeitet hat. Sie haben Vertrauen zu dem fremden Paar. Andere Eltern sind skeptisch und schleichen sich während dem Unterricht in die Schule, um alles selbst unter Augenschein zu nehmen.
“Das ist mir sehr recht,” sagt Niwas, “denn nur so können wir sie überzeugen.”

Bei den Müttern geht die Überzeugungsarbeit schnell von statten. Denn was gibt es eindrücklicher, als zu sehen, dass Kinder mit Spaß lernen. Allerdings ist ihnen die Art des Unterrichts noch fremd.
“Die Woche ist in drei Arbeitsbereiche gegliedert.” erklärt mir Niwas. “Montags und Donnerstags werden Konzepte gelernt. Inhalte sind Hindi und Englisch, Mathematik und Naturwissenschaften. Dienstags und Freitags werden die Konzepte in die Praxis umgesetzt. Hier geht es um Erfahrung, um spielerische Experimente. Der Mittwoch ist der Tag des Gemeinwohls, da kochen die Kinder für die armen Familien im umliegenden Dorf oder sie helfen in der Landwirtschaft.”

 

Schlau ausgeklügelt

Das ist schlau ausgeklügelt, denn so gewöhnen sich die Ureinwohner an die Vorteile, die das neue Schulprojekt in ihre Kommune bringt. Und trotz alledem gibt es großen Widerstand.
Shivani erzählt, wie sie nachts von Fremden am Telefon beschimpft werden. “Wir sollten so schnell wie möglich verschwinden, sagt die Stimme. Und obwohl uns der Dorfoberste  zugesichert hat, dass wir keine Sorgen haben müssten, gibt es nachts Leute die draußen herumschleichen, um uns Angst einzujagen.”

“Aber dann sind da die Kinder und wir wissen, warum wir das ganze aushalten müssen!” sagt Niwas und ich höre sein Lächeln in der Stimme als er von einem kleinen Mädchen erzählt, dass anfangs in Schuluniform auftauchte. Das Mädchen stand immer abseits, wollte bei den wilden Spielen der anderen nicht mitmachen und fühlte sich wohl etwas fehl am Platz. Doch dann kam es, wie die anderen Kinder auch in Alltagskleidung und plötzlich lebte es auf. Das Mädchen fing an auf Bäume zu klettern und sich mit den anderen im Dreck zu balgen. Beim Fußballspielen guckten die Mädchen zunächst noch zu, bis Shivani zeigte, dass jedes Kind Ballspielen kann.

Shivani und Niwas haben bereits einen dritten Mitstreiter, einen jungen Ureinwohner, der ihnen beim Übersetzen hilft und schon einige Unterrichtsfächer übernimmt. Die ersten Hürden sind genommen, und da sie bereits Kindern und Frauen Hoffnung gegeben haben, sind Shivani und
Niwas selbst motiviert, weiterzumachen.

Da schreckt es sie auch nicht zurück, wenn von einem Mangobaum, gleich über dem Pfad zur Außentoilette, eine grüne Giftschlange herunterbaumelt und sich Niwas nur mit einem Hechtsprung retten kann, wenn die Ameisen Kolonien ihre wenigen Vorräte vertilgen oder wenn sie sich nur einmal in der Woche richtig waschen können. All das wird sie für die Zukunft stärken und irgendwann wird es eine spannende Geschichte sein, die andere ermutigt, nur nicht aufzugeben.

Am Ende sind wir alle dazu geboren, in der Wildness zu überleben.

Tabubruch in Kenia

Tabus, die uns ein Leben lang verfolgen

Juliet Omondi kommt aus Homa Bay, einer ländlichen Region im Westen Kenias. Sie spricht ein Tabu an, das in Ostafrika wie auch in vielen anderen Ländern der Welt weit verbreitet ist. Wir sagen, wir leben im einundzwanzigsten Jahrhundert und trotzdem werden Mädchen und Frauen während ihrer Menstruation von Schulen und Gemeinschaftsveranstaltungen ausgeschlossen. Juliet möchte mit ihrer Organisation Paro Manyien (Bewusstseinsveränderung) dieses Tabu ändern, indem sie die Verantwortlichen in den Kirchen und Gemeinden für dieses Thema sensibilisiert.

Ich denke oft an Situationen wie diese: Man ist in einer Menschenmenge und plötzlich merkt man, die Periode hat unerwartet begonnen. Allerdings gibt es nichts, womit man sich säubern kann, man hat keine Binden und, viel schlimmer noch, es gibt niemanden, mit dem man darüber reden kann.

Es passiert jeder Frau im Leben bestimmt einmal oder auch mehrmals. Aber die Glücklichen können sich schnell Abhilfe schaffen. Die meisten jungen Mädchen in unseren Ländern werden aber mit diesem Problem vollkommen allein gelassen.

Ich bin geboren und aufgewachsen in einer ländlichen Gegend im Westen Kenias, wo Tabus und Mythen rund um die Menstruation noch immer lebendig sind. Und so erlebte ich das Einsetzen meiner Menstruation mit Angst und Scham. Ich weigere mich jedoch, solche rückständigen Vorstellungen zu übernehmen und weiterzutragen. Wie in der gesamten Gemeinde wurde auch in meiner Familie nicht offen über die Menstruation gesprochen. Man glaubt, dass die Menstruation eine höchst private Angelegenheit der Frau ist, weil das Menstruationsblut von bösen Geistern benutzt werden könnte, um den Menschen in der Umgebung Schaden zuzufügen. Mit jemandem vom anderen Geschlecht über die Menstruation zu sprechen, gilt als respektlos. Unter normalen Umständen würde ich mir wünschen, dass Mütter mit ihren Kindern rechtzeitig vor der Pubertät über diese Themen sprechen. Leider war es bei mir nicht so.Ich erinnere mich noch lebhaft an einen Montagmorgen. Ich machte mich gerade auf den Weg zur Schule, als ich merkte, dass ich meine Periode hatte. “Mama”, rief ich mit brüchiger Stimme. Ich zitterte und hatte Angst. “Was ist los?”, fragte sie. “Ich glaube, ich habe meine Periode.” Ich hatte nämlich gehört, wie meine Mitschülerinnen und ältere Mädchen in der Schule über die Periode und Binden sprachen, wenn auch in gedämpftem Ton. Ich erhoffte mir nun eine Erklärung und Hilfe durch meine Mutter. Doch leider wurden meine Erwartungen nicht erfüllt. Sie war so von Scham behaftet, so dass sie nur meinte, ich sei vielleicht krank oder dass das Blut auch von einer Verletzung herrühren könne.

Ich war verwirrt, fühlte mich alleingelassen und war irgendwie auch enttäuscht.
Später am Abend teilte sie mir allerdings doch mit, dass ich mich nun in eine Frau verwandeln würde.  Aber das hätte Konsequenzen: Ich dürfe nicht mehr ihr Schlafzimmer betreten, auch das Gemüse dürfe ich während der Periode nicht pflücken, da es sonst verdorre und kranke Familienmitglieder sollte ich nicht mehr aufsuchen. All das machte mich wütend. Und so war es mir nicht möglich, meine Mutter jemals wieder auf so vertrauliche Themen anzusprechen.

Glücklicherweise hatte ich eine ältere Cousine in der Sekundarschule, die bereit war, ihr Wissen über die Menstruation und die Ge- und Verbote während meiner Periode mit mir zu teilen. Das war nach etwa drei Monaten, in denen ich im Stillen gelitten hatte.
In der Schule erlebte ich, wie Jungen ältere Mädchen schikanierten, die diese Veränderungen bereits durchmachten. Sie wurden gedemütigt, hatten Angst und wurden allgemein verspottet.

Irgendwann war auch ich an der Reihe. Eines Tages befleckte ich meine Schuluniform und musste mir bis zur Mittagspause einen Pullover um die Taille binden. Um aber die Schule nicht zu verpassen, schlich ich mich immer wieder in das Schlafzimmer meiner Mutter, um ein oder zwei Binden zu stehlen, die zu groß, zu dick und zu unbequem waren, um sie zu tragen. Das brachte mich dazu, mir andere Methoden auszudenken, um mit meiner Menstruation umzugehen. Ich schnitt alte Stoffstücke und Decken zurecht und nähte sie zusammen. Mit der Zeit wuchs ich über meine Ängste hinaus, öffnete mich meinem engen Freund, wurde zornig und konfrontierte mich mit meinen Tyrannen. Ohne es zu wissen, hatte ich mich zur Stimme der anderen Mädchen in der Schule entwickelt.

Heute habe ich als Gesundheits-beauftragte mit Mädchen zu tun, die sich in einer ähnlichen Situation befinden: Mädchen, die wie ich niemanden haben, mit dem sie reden können, Mädchen, die von Tabus umgeben sind, die sie daran hindern, an den täglichen soziokulturellen Aktivitäten teilzunehmen, während sie ihre Periode haben.

Während eines der Schulgesundheitsprogramme, die ich in Kilifi, Kenia, durchgeführt hatte, hatte ich ein recht emotionales Gespräch mit einem Mädchen namens Kadzo, das mir von seinen Problemen als Teenager erzählte. “Ich bin eine Waise und lebe bei meinen Großeltern, die sich nicht um die Menstruation kümmern. Zu Hause kämpfen wir darum, Essen auf den Tisch zu bringen, und Damenbinden haben aufgrund unserer begrenzten Mittel keine Priorität. Ich habe niemanden, den ich fragen kann, kein Geld, um Binden zu kaufen, und niemanden, mit dem ich reden kann”.

Später vertiefte ich mich in das Thema und erfuhr, dass die Kultur der Geheimhaltung rund um die Menstruation die Mädchen noch weiter in ein Dilemma stürzt, da sie finanziell nicht unabhängig sind. Mangelnde Beratung und Angst führen dazu, dass einige Mädchen zu anderen Mitteln greifen, um Geld für den Kauf von Binden zu bekommen. Zehn Prozent der 15-jährigen Mädchen in Kenia tauschen Sex gegen Geld, um Binden zu kaufen, da sie zu Hause kaum welche bekommen können. Einige enden mit Teenager-Schwangerschaften, frühen Ehen oder sexuell übertragbaren Krankheiten. Einige brechen am Ende die Schule ab.
Genau wie Kadzo leiden viele andere Mädchen noch immer im Stillen. Und deshalb habe ich mich auf den Weg gemacht, um diese Geschichte zu ändern.

Möchtest Du, wie Juliet, Deine eigene Organisation starten und bist auf der Suche dafuer die Fähigkeiten zu erwerben?
Dann bewerbe dich als Teilnehmer bei www.kanthari.org

Frau des Hauses

Geeta Dangol Maharjan wuchs in einer Nevari-Familie in Kirtipur auf, eine Stadt in der direkten Nachbarschaft zu Kathmandu. In Nepal ist sie auch bekannt als “City of Glory”, da sie für ihre traditionelle Schönheit bewundert wurde. Doch plötzlich waren überall, auch in der City of Glory Bomben, und Nepal war nicht mehr sicher. Der nepalesische Bürgerkrieg (1996 bis 2006) wurde durch politische Konflikte ausgelöst und hat Nepal in eine tiefe Krise gestürzt, die in vielen Bereichen noch immer spürbar ist. Arbeitslosigkeit, Armut und Ungleichheit sind die Nachwirkungen dieser Unruhen. Mit ihrer Organisation Orange Butterflies will Geeta einen Wandel herbeiführen, indem sie alleinstehenden Frauen, die oft im Stich gelassen werden, eine Chance gibt.

Nepal ist ein streng patriarchalisches Land, in dem Töchter weniger wertgeschätzt werden als Söhne. Mein Vater wollte, dass meine Mutter einen Sohn zur Welt bringt. Obwohl sie sich immer eine kleine Familie mit nur zwei Kindern gewünscht hatte, bestand mein Vater darauf, es so lange zu versuchen, bis der erste Sohn geboren war. So wurde sie mit sieben Töchtern gesegnet, und ich bin eine von ihnen.

Wenn ich die Geschichten meiner Mutter höre und die Beziehung meiner Eltern beobachte, bin ich traurig darüber, dass sie von ihrer gesamten Familie schlecht behandelt und ausgegrenzt wurde. Als Kind war ich oft Zeuge von gewalttätigen Übergriffen, und ich fühlte mich hilflos. Einmal hat mein Vater eine ganze Schüssel mit heißem Essen nach meiner Mutter geworfen, nur weil das Gemüse nicht salzig genug war. Zwischen meinen Eltern herrschte eine Spannung, die auf die finanzielle Abhängigkeit zurückzuführen war.

Während meiner Kindheit hatte ich nie das Gefühl, dass mein Vater für uns da war. Er übernahm nie die Verantwortung für die Bezahlung der Schulgebühren oder den Besuch von Lehrern. Meine Mutter gab uns immer Geld mit, damit wir die Gebühren selbst bezahlen konnten. Wir hatten schreckliche Angst vor ihm. Ja, ich konnte sehen, dass er hart arbeitete. Aber wegen seines gewalttätigen Charakters hatten wir nie eine Vater-Tochter-Beziehung, auch nicht, als er später im Leben ruhiger wurde.

Eines schönen Tages schlug die Schwägerin meiner Mutter eine Geschäftsidee vor, und sie riet meiner Mutter, aus dem Haus ihrer Schwiegereltern auszuziehen. Schließlich, nach vier Kindern, meldete sich meine Mutter zu Wort und sorgte dafür, dass wir uns von der größeren Familie trennten. Sie hatte keine Ausbildung. Aber sie war in der Lage, ein kleines Einzelhandelsgeschäft in einem neuen Ort zu eröffnen. Langsam, aber stetig, ging das Geschäft auf. Ich spürte und sah, wie sich die Beziehung zwischen meinen Eltern veränderte.

Aber dann gab es überall Bomben; Nepal war nicht mehr sicher. Der nepalesische Bürgerkrieg (1996 bis 2006) begann aufgrund von politischen Konflikten. Ich wurde in Kirtipur (Stadt des Ruhms) geboren, einer alten Stadt im Kathmandutal im Südosten des Landes, die vor dem Bürgerkrieg der sicherste Ort war. Meine Eltern schickten mich und meine Schwestern zum weiteren Studium nach Indien. Die Menschen in ganz Nepal zogen in die Hauptstadt, um in Sicherheit zu sein.

Als ich 2017 in mein Heimatland zurückkehrte, erfuhr ich, dass sich zwar der Konflikt beruhigt, aber das Problem in keiner Weise verbessert hatte. Jedes Jahr verließen fast 500.000 Menschen, meist Männer, das Land, um im Ausland Jobs für wenig Gebildete anzunehmen. Viele Frauen blieben mit der Verantwortung für den Haushalt zurück, ohne eine sichere Einkommensquelle zu haben.

Das brachte mich zum Nachdenken: Warum können wir keine Arbeitsplätze in unserem Land schaffen? Ich habe miterlebt, wie sich das Leben meiner Mutter veränderte, nachdem sie finanziell unabhängig geworden war. Sie konnte alles für ihre Kinder und ihre Familie entscheiden. Sie wurde sogar mutig und lehrte uns, mutig zu sein. Als ich über die Geschichte meiner Mutter nachdachte, wurde mir klar, dass es immer noch viele Frauen gibt, die mit demselben Problem konfrontiert sind: der Spannung, die aus der finanziellen Abhängigkeit entsteht.

Seit 2017 arbeite ich mit marginalisierten Frauen, um ihnen zu finanzieller Unabhängigkeit zu verhelfen. Ich konnte die Auswirkungen an meiner eigenen Geschichte sehen, nachdem ich einen Job gefunden und für mich selbst gesorgt hatte und es mir viel besser ging als den männlichen Cousins in unserer Familie. Mein Vater kam zu dem Schluss, dass ich so fähig wie ein Junge war.  Er hörte langsam auf, gewalttätig zu sein. Heute leite ich mein eigenes Unternehmen und eine gemeinnützige Organisation für Frauen in unserer Gemeinde. Außerdem kümmere ich mich als Frau des Hauses um meine Eltern.

“Orange Butterflies” träumt von einer Zukunft, in der alle marginalisierten Frauen in Nepal die gleichen Chancen erhalten, um zu träumen und finanzielle und soziale Unabhängigkeit für ein besseres Auskommen zu erreichen.

Wir werden diskriminierten und vernachlässigten Frauen durch berufsorientierte Förderung, Lobbyarbeit, Mentoring und andere Berufsausbildungen (z. B. Website-Entwicklung, Grafikdesign, digitales Marketing, Modetechnologie, Schmuckdesign, Kunsthandwerk, öffentliches Reden usw.) gleiche Chancen bieten, so dass sie mehr Möglichkeiten in Bezug auf Arbeit in jedem Sektor haben.

Wir wollen eine integrative Genossenschaft für Frauen und Männer gründen. Nach der Ausbildung können sie entweder mit uns zusammenarbeiten oder ihr eigenes Unternehmen gründen. Wenn sie sich für Letzteres entscheiden, werden wir immer als Unterstützungs-system für sie da sein. Um sie auf ihrem unternehmerischen Weg zu unterstützen, werden wir einen Genossenschaftsladen einrichten, in dem alle unsere Produkte zum gegenseitigen Nutzen angeboten werden. Außerdem werden wir die Vermarktung der von ihnen hergestellten Produkte in ganz Nepal erleichtern, um den Lebensunterhalt der marginalisierten Frauen zu verbessern. Die Produkte werden biologisch abbaubar, umweltfreundlich und aus natürlichen Rohstoffen hergestellt sein. Wir fördern auch Naturfasern aus Hanf, Banane und Jute, die in Nepal lokal verfügbar sind. Sie sind langlebig und umweltfreundlich.

Heute ist mein Vater stolzer Vater von sieben Töchtern, die keinem der Männer in unserer Gemeinde nachstehen. Tatsächlich unterstützt er jetzt die Sache, für die ich arbeite.

Geeta wird ihre Geschichte und Projektidee während der kanthari TALKS präsentieren: 17 und 18 Dezember!
Weitere Einzelheiten zu dieser Veranstaltung, die live gestreamt wird, finden Sie auf http://www.kantharitalks.org/

Meine Reise durch die Hölle und zurück

Precious Kiwiti aus Harare, Simbabwe, war stadtbekannt. Sie hatte, aus einer kinderreichen, eher ärmlichen Familie kommend, in eine der einflussreichsten Familien eingeheiratet und betrieb erfolgreich ein angesehenes Restaurant und später einen beliebten Catering-Service. Mit ihrer Organisation “Precious Hearts Haven” leitete sie einen Kindergarten für alleinerziehende Mütter aus den Armenvierteln. Doch kaum jemand wusste von der Tragödie, die sich hinter der strahlenden Fassade verbarg. In ihren beiden Ehen wurde Precious vergewaltigt, gefoltert und wurde sogar Opfer einer Scheinhinrichtung.

Als Überlebende möchte sie Frauen, die Gewalt in der Ehe erlitten haben, Hoffnung, Widerstandskraft und Würde zurückgeben. Ihre Organisation Precious Hearts Haven will sich für eine gewaltlosere Gesellschaft einsetzen, sie wird zunächst geheime Frauenhäuser errichten, um dort die Frauen zu verstecken und zu fördern.

Es war ein Sonntagmorgen. Ich hatte meine Kinder ausgehfertig gemacht und sie in die Kirche geschickt. Und dann war ich allein, allein mit mir, meinen Sorgen und meinen blauen Flecken, allein mit der Erkenntnis, dass mein Leben an diesem Tag enden sollte, und zwar genau in diesem Zimmer, in dem ich ständigen psychischen und physischen Terror erlebt hatte.

Ich saß auf dem Boden und lehnte mich an mein Bett. In meiner Hand hielt ich ein Glas mit einer tödlichen Mischung aus Pestiziden und Rattengift. Neben mir lag mein Telefon; ich hatte gerade eine Nachricht an meinen Bruder geschickt, eine recht lange Nachricht, in der ich ihn anflehte, auf meine Kinder und meinen Besitz aufzupassen, den ich ohne das Wissen meines Mannes gekauft hatte. Ich war mir sicher, dass er die SMS erst nach der Kirche lesen würde, und bis dahin würde ich nicht mehr da sein.

Ich erinnere mich noch gut, dass ich eine Zeit lang dasaß und auf den richtigen Moment wartete, um das Glas zu heben. Und dann: “Tante P!” Die Tür flog auf und meine Schwägerin stürmte herein. Sie riss mir das Glas aus der Hand, und erst dann begann ich zu weinen. “Weine, Tantchen!”, sagte sie und tröstete mich. “Jetzt darfst du weinen! Du bist in Sicherheit.”

Fünf Jahre und zwei Ehen früher: “Mwanangu waroorwa, wandibvisa mukushorwa” (meine Tochter, du bist jetzt verheiratet; du hast mich aus der Schande geholt). Das waren die Worte meiner Mutter bei meiner ersten Hochzeit. Die ganze Gemeinde begann zu jubeln und zu tanzen. Und ich wusste, dass ich mit meiner Wahl die ganze Familie stolz gemacht hatte.

Gleich nach meiner Hochzeit war alles perfekt. Wir wohnten in einem schönen Haus. Ich hatte einen Chauffeur, nur zu meinem eigenen Komfort, und ich hatte wunderbare Schwiegereltern. Mein Mann tat alles, um mich glücklich zu machen und mir das Gefühl zu geben, zu Hause zu sein. Bald war ich schwanger, und als meine Tochter geboren wurde, waren wir beide überglücklich.

Aber als die Liebe verblasste, erfuhr ich, was es in meiner Gesellschaft bedeutet, eine verheiratete Frau zu sein. Heute blicke ich auf zwei Ehen zurück, in denen ich psychische Manipulation und körperliche Folter erlebt habe.

Warum habe ich die Muster, die Warnzeichen, nicht erkannt? Und warum habe ich die Alarmglocke nicht läuten hören? Nun, ich war vor Liebe taub und blind und sehnte mich einfach nur danach, dass mich jemand liebt.

Ja, am Anfang ist es Liebe. Aber dann verwandelt sich die Wärme und liebevolle Fürsorge Schritt für Schritt in Überbehütung. “Geh nicht allein weg. Deine Familie braucht dich, und du solltest dich nicht selbst gefährden”. “Warum musst du arbeiten? Ich kann mich doch um dich und unser Kind kümmern!”

Ich war immer auf der Suche nach Unabhängigkeit. Ich war die erste Frau in meiner Familie, die einen Führerschein besaß. Ich war die erste, die ins Ausland reiste. Und im Alter von 26 Jahren eröffnete ich zusammen mit meinem Bruder ein angesehenes Restaurant “Kiwiti Barbecue”, mit mehr als 100 Plätzen. Als mein Bruder bei einem Autounfall ums Leben kam, war ich gezwungen, es zu schließen, nicht weil ich nicht stark genug war, es allein zu führen, sondern weil mein Mann sich um meine Sicherheit sorgen würde. Moment mal, tat er das wirklich?!

Langsam aber sicher wird aus der Überbehütung, dem angeblichen Schutz die Kontrolle. “Wen hast du angerufen?”, “Wie viel hast du ausgegeben?”

Nachdem ich Hausfrau geworden war, musste ich um alles bitten und ich musste jede Ausgabe erklären. Ich fühlte mich eingesperrt und die neue Erfahrung, abhängig zu sein, beeinträchtigte mein Selbstwertgefühl. Da ich etwas tun wollte, bat ich meinen Mann, mich wenigstens an den Wochenenden arbeiten zu lassen. Er stimmte zu, allerdings unter strengen Auflagen. Als Geschäftsfrau gründete ich einen Catering-Service, der wie mein Restaurant ebenfalls sehr erfolgreich wurde. Aber dann begannen die Anrufe: “Wo bist du?”, “Warum lassen dich deine Kunden nicht nach Hause kommen?”

Es dauert nicht lange, bis diese Kontrolle in eifersüchtige Besitzergreifung umschlägt. “Du musst nach Hause kommen, wenn ich es dir sage! Du musst nur für mich und die Kinder da sein!”

Ich fühlte mich oft einsam. Ich war nicht in der Lage, meine Freundschaften oder die Beziehung zu meiner Familie zu pflegen und ich hatte keine Freiheit, zu arbeiten und mein eigenes Einkommen zu verdienen. Ich verlor an Körpergewicht, nicht weil ich es wollte, sondern weil ich meinen Lebenssinn verlor. Mein Mann sah, dass ich abgenommen hatte, doch seine Interpretation war eine ganz andere: “Na, willst du attraktiv aussehen? Sieh doch, wie dich die jungen Männer anstarren!”, “Wenn du nicht sofort zunimmst, trag wenigstens etwas lockere Kleidung, sonst lasse ich dich nicht mehr aus dem Haus!”

Die erste körperliche Gewaltanwendung und sei es nur ein Stoß, überschreitet die Grenze. Hier schlägt Besitzgier nach und nach in physische Gewalt um. Noch wird allerdings alles schnell entschuldigt und damit die Gemüter beruhigt: “Es tut mir leid! Ich wollte das nicht tun! Kannst du mir verzeihen?”

Ich hätte ihn direkt stoppen müssen. Aber ich glaubte seinen Worten, das er es bereute und gab ihm damit die Erlaubnis, weiterzumachen. Damit begann der Weg der Brutalität, von dem es kein Zurück mehr gab: Ich wurde nun tagtäglich angegriffen, oft so brutal, dass ich ins Krankenhaus hätte gebracht werden sollen. Aber da wäre ich gezwungen worden, die Wahrheit zu offenbaren.

Um den guten Ruf meiner Ehen zu schützen, blieb ich zu Hause und kühlte meine Wunden selbst. Und daher setzte sich der Schrecken fort. Regelmäßig wurde ich vergewaltigt, gewürgt, angekettet und wenn immer meine Ehemänner in der Nähe waren, fürchtete ich um mein Leben. Einmal wurde ich sogar Opfer einer Scheinhinrichtung. Mein Mann wollte sein neues Spielzeug, eine Pistole, vorführen. Ich hielt einen Sicherheitsabstand und beobachtete ihn misstrauisch. Er zielte auf einen Baum zu meiner Linken, doch in letzter Sekunde schwenkte er seine Waffe herum, zielte auf mich und feuerte dann eine Kugel knapp über meinem Kopf ab, die hinter mir einen anderen Baum traf.

Immer wieder schossen mir Fragen durch den Kopf: Wohin könnte ich gehen? Zurück zu meinen Eltern? Aber was würde die Gemeinde dazu sagen, dass ich in zwei Ehen gescheitert war?!

Und was ist mit denjenigen Frauen, die mich für meine Stärke immer bewundert hatten? Würden sie jetzt auf mich herabsehen? Wie sollte ich allein und ohne Job meine Kinder erziehen? Würden die Männer mich für eine Prostituierte halten, wenn ich alleinstehend wäre?

In Simbabwe haben wir eine “Durchhalte-Kultur”, ganz egal wie sehr man körperlich und auch psychisch verletzt ist.Ja, die Ehe wird in unserer Kultur als “legalisierte Sklaverei” angesehen und es wird akzeptiert.

So riet mir eine ältere Frau aus meiner Kirchengemeinde später, als ich mich trennen wollte, meinen Widerstand aufzugeben und so zu tun, als ob alles in Ordnung wäre. “Schließlich sind Sie Christin, und Gott ist mit Ihnen!” Nun, obwohl Gott mit mir war, war mein Selbstvertrauen erschüttert, und ich fühlte mich, als trüge ich einen Aufkleber mit der Aufschrift “Missbrauch mich” auf der Stirn. Was mir half, war, über meinen Schmerz mit engen Familienangehörigen und mit meinen Freunden zu sprechen. Und natürlich überlebte ich aufgrund meiner Liebe zu meinen Kindern.

Als meine Brüder mich daran erinnerten, dass schon unsere ältere Schwester von ihrem Mann totgeprügelt wurde, wurde mir klar, dass es so nicht weitergehen konnte und durfte. Ich nahm meinen Mut zusammen und ging mit meinen Blessuren zur Polizei, um ihn anzuzeigen.

Heilung geht niemals über Nacht. Ich ging mehrmals durch die Hölle, kam aber immer wieder zurück, und heute kann ich mit Fug und Recht sagen: “Ich bin eine Überlebende”.

Doch heute ist die Zukunft wichtig, ich möchte hier erklären wie wir mit unserer Organisation “Precious Hearts Haven” der in Simbabwe verbreiteten Gewalt-Epidemie, dem tagtäglichen Missbrauch von Frauen und Mädchen den Kampf ansagen wollen: Wir haben einen Drei-Stufen-Ansatz:

Schritt 1: Precious Hearts Haven:
Es geht hier um einen vorübergehenden sicheren Ort für Frauen und Mädchen, wo sie sich vor ihren Männern verstecken können. Von dort aus können sie rechtliche Schritte gegen den Gewalttäter unternehmen. Dort bieten wir bei Bedarf Rechtshilfe und psychologische Beratung an.

Schritt 2: Übergang zum Leben: 
Nach der ersten Heilungsphase haben die Frauen die Möglichkeit, an Workshops teilzunehmen. In diesen Workshops werden sie mit anderen Betroffenen auf die gängigen Muster, die Alarmglocken eines Gewaltkreislaufs aufmerksam gemacht. Dabei geht es auch um das Erlernen der gewaltfreien Kommunikation sowie um Konfliktresolution.

Schritt 3: Kubatana (d.h. Verbindung):
Sobald die Frauen in der Lage sind, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen, bieten wir ihnen ein intensives berufliches Training an, bei dem es besonders um die Gastronomie geht.
Aus meiner eigenen Erfahrung als Betreiberin eines Restaurants weiß ich, wie Mahlzeiten in einer freundlichen Umgebung verbinden und zu einem offenen Austausch auch über schwierige Themen einlädt.

Wir planen eine Kubatana-Restaurantkette mit kleineren und größeren Lokalen, die alle von unseren betroffenen, aber nun geheilten Frauen geleitet werden sollen. Kubatana soll dafür bekannt sein, dass diese Orte für Gewaltlosigkeit, für offene Kommunikation und Essen mit Zeit und Muße stehen.

Wir hoffen, dass sowohl diese Orte, wie auch die Frauen, die trotz ihrer Geschichte nun in Leitungspositionen stehen, mit dazu beitragen, dass die Gewaltspirale in der simbabwischen Kultur Schritt für Schritt abgebremst wird.

Precious wird ihre Geschichte und Projektidee während der kanthari TALKS präsentieren. Wann? 17 und 18 Dezember 2021!

Wo? Livestream auf http://www.kantharitalks.org/