Zentrum des Zuhörens Teil 1

Meine erste Begegnung mit einer Person, die Stotterte, hatte ich, als ich 14 Jahre alt war. Ich begleitete damals meine Eltern und Geschwister zu einem religiösen Treffen und konnte es nicht erwarten, endlich rauszukommen, um meinen eigenen Dingen nachzugehen. Da wurde ich plötzlich hellhörig: neben mir stand eine hübsche junge Frau, die mit einer anderen Besucherin sprach. Ich hörte nicht auf das, was die Frau sagte, sondern wie farbig ihre Stimme klang. Interessant für mich war, dass jedes Wort zu knistern und zu klackern schien. Die Sätze nahmen eine Form an, die ich noch nie zuvor gehört hatte. Und noch etwas faszinierte mich, die Geduld der Gesprächspartnerin, der Zuhörerin. Ich wünschte mir nichts sehnlicher, als den Platz dieser geduldigen älteren Dame einzunehmen, denn sie hatte mir, ohne, dass sie etwas davon wissen konnte, eine wertvolle Lektion in Sachen Kommunikation erteilt, aber leider hatte ich als Teenager die sozialen Fähigkeiten einer Kartoffel und wagte es nicht, mich in das Gespräch einzuklinken.

Normalisierung von Sprachstörungen

16 Jahre später lernte ich während des kanthari Programms Puneet Singh kennen, einen Stotterer, der im Januar diesen Jahres die Organisation ssstart gründete. Sein Ziel ist es, Sprachstörungen in der Gesellschaft zu normalisieren und er möchte für Akzeptanz verschiedener Kommunikationsstile werben. Ich habe ihn heute kontaktiert, knapp einen Monat nach Abschluss des kanthari-Kurses. Er war guter Dinge und beschrieb, dass die ersten drei Monate zwar nicht einfach waren, er aber bereits jetzt die ersten Resultate des von ihm aufgebauten Netzwerks erkennen könne. Man muss Puneet zugutehalten, dass er unheimlich kontaktfreudig ist. Wenn immer sich eine kleine Chance ergibt, erkundet er Möglichkeiten der Zusammenarbeit, sowohl mit individuellen Personen als auch mit Organisationen.

Durch seine Verbindung zur Freedom Employability Academy (FEA) steht Puneet kurz vor der Unterzeichnung eines Einjahresvertrags mit einem in den USA ansässigen indischen Ehepaar, das seine Räumlichkeiten in Dwarka, Delhi, ihm als kostenloses ssstart-Zentrum zur Verfügung stellen möchte. 

Aus dem Slum

Dazu kommt, dass ein Teil seiner künftigen Teilnehmer, Jugendliche aus den Slums, gleich um die Ecke leben. Puneet, der selbst in einem Slum in Delhi wohnt, hat sich bereits an die jüngeren Bewohner gewandt und das Interesse von mindestens sechs 12- bis 13-Jährigen gewonnen. Er rechnet mit etwa 20 weiteren Teilnehmern für den nächsten Kommunikationsworkshops im ssstart Zentrum. Um dem Eindruck vieler Eltern entgegenzuwirken, im Zentrum würde nur “unnützes Singen und Tanzen” stattfinden, richtet einer der Eigentümer des Gebäudes auch ein Mathematiknachhilfe-Programm ein.

Die Räumlichkeiten werden gerade umgestaltet, sie werden farbig dekoriert und es wird sogar ein Skatepark angelegt. Angesichts dieser attraktiven Ausstattung ist es nicht schwer, sich vorzustellen, dass das Zentrum von Menschen aus allen Gesellschaftsschichten bevölkert wird. Sie kommen vielleicht wegen der Algebra oder der Kick-flips, aber sie werden es als bessere Kommunikatoren verlassen. Das Besondere ist, dass die Freiwilligen, die Puneet bei der Umgestaltung des Zentrums helfen, auch zu den ersten Teilnehmern seines bereits ausgeführten Workshops gehörten. Darunter waren auch 2 oder 3, die stottern oder andere Sprachstörungen haben; so wurde ein integratives Kommunikationsumfeld geschaffen.

Unkomplizierte Interaktionen sind selten

Wie Puneet schon in frühen Lebensjahren erkannte, ist unkomplizierte Interaktion zwischen Menschen mit und ohne Sprachstörungen eher selten. Es reicht aber nicht aus, die Gesellschaft lediglich über die Existenz von Sprachstörungen aufzuklären und vielleicht dadurch zu sensibilisieren. Nach Ansicht von Puneet ist der Aufbau von Empathie und Geduld der nächste konkrete Schritt zur Normalisierung der Sprachstörung oder sprachlichen Eigenarten.

Diese erste Gruppe war recht interessant. Sie trafen sich zweimal pro Woche online. Zunächst hatten sie viele Fragen zu Puneets Lebensweg, z. B. wie er dazu kam, sein Stottern zu akzeptieren, seine Organisation zu gründen, eine große Online-Fangemeinde aufzubauen usw. Dann erzählten sie von ihrem eigenen Leben und ihren Herausforderungen. Viele der Mädchen waren besonders daran interessiert zu lernen, wie sie ihr “nein” erfolgreich kommunizieren können. Nein zu sagen zur traditionellen Gesellschaft um sie herum, zu den vorgegebenen Plänen ihrer Eltern, was sie mit ihrem Leben anfangen sollten, und zu anderen unangenehmen Situationen. ssstart war in der Lage, Situationen aus dem wirklichen Leben zu schaffen und Rollenspiele zu veranstalten, bei denen die Teilnehmerinnen lediglich einen Weg finden sollten, Nein zu sagen.

Pflege der Offline-Kommunikation

Dann traf sich die Gruppe auch persönlich in den Lodhi-Gärten, um die dringend benötigte Offline-Kommunikation zu pflegen. Seine zweite Gruppe besteht aus Jugendlichen aus ländlichen Gebieten, was eine große Herausforderung darstellt, da sie sich nicht so leicht öffnen können. Aber ssstart entwickelt sich weiter. Innerhalb des letzten Monats ist viel passiert, und das ist ein Grund zum Feiern. Es sollte dann aber ein Fest des Hörens sein! ssstart arbeitet mit Marva Shand-McIntosh, der Gründerin des “I Love to Listen Day” (16. Mai) zusammen.

Puneet sagt: “zuzuhören ist eine der menschlichsten Aktionen, die wir tun können, um unserem Gegenüber zu zeigen, wie wichtig uns Menschen sind. Kommunikationsstörungen und Sprachbehinderungen wie Stottern, geben uns die einzigartige Gelegenheit, einen Schritt zurückzutreten und damit einfühlsame Geduld zu demonstrieren.”

Zuhör-Party

Bei der “Zuhörparty” werden zwei Personen zusammengebracht, die ausreichend Zeit haben, ihre Lebensgeschichten miteinander zu teilen.

Aller Anfang ist schwer, aber es ist besonders ermutigend, wenn sich Personen aus Freundes- oder Familienkreisen anschließen. Puneets Schulfreund, Chinmay Panigrahi, ebenfalls ein Stotterer, ist von Beruf Anwalt. Sie waren immer mal wieder sporadisch in Kontakt, aber als Chinmay Puneets Beiträge über ssstart in den sozialen Medien sah, war er begeistert.

Chinmay, der von vielen potenziellen Mandanten bis hin zu Richtern wegen seiner Sprachweise oft nicht ernstgenommen, ja sogar verachtet wird, ist genau der richtige Mann, um sich für die Normalisierung des Stotterns in seinem Beruf einzusetzen.

ssstart ist zweifellos dabei, Lärm zu machen. Man braucht nur noch an Bord zu kommen und zuzuhören.

Bitte Checken Sie regelmäßig den kanthari Blog, Teil Zwei folgt in den nächsten Wochen.

Mitten im Netz von Gleichgesinnten – Mirranda Tiri – Zimbabwe

Vielen kanthari Absolventen, die die ersten großen Wellenbrecher hinter sich gelassen haben, geht es genau wie uns damals vor vielen Jahren. Obwohl es scheint, als seien die größten Hindernisse überwunden. Obwohl man weiß, in welche Richtung es nun gehen soll. Wir alle fallen früher oder später in ein Loch, aus dem wir uns nur mit Mühen wieder hinausmanövrieren können. Man fühlt sich allein, unverstanden und vielleicht etwas fehl am Platz. Denn kanthari zu sein bedeutet oft, ganz anders als andere an Probleme heranzugehen.

Wenn man keinem Netzwerk von ähnlich funktionierenden, ähnlich denkenden Menschen angehört, wenn man nicht von anderen Projekt-Initiatoren motiviert und zum Weitermachen angefeuert wird, dann ist man schnell am Ende und das, noch bevor das Projekt erst richtig angefangen hat.

Damals in Tibet hatten wir enge freundschaftliche Kontakte zur recht überschaubaren Expatriot-Community. Zu Franzosen, Belgiern, Italienern und Engländern, die für die dort Ansässigen Hilfsorganisationen arbeiteten. In Krisenzeiten, wenn Spendengelder ausblieben und wir unsere blinden Kinder für den Winter nicht einkleiden konnten, dann half man uns schnell und unbürokratisch aus. Im Gegenzug revanchierte sich Paul mit technischem Knowhow, sorgte für erste Internetanschlüsse oder zeichnete Baupläne für Dorfkliniken und Büroräume. Zusammen feierte man Geburtstage oder Halloween. Diejenigen, die den langen kalten Wintern trotzten, kamen zusammen, um sich an einem Elektro-Ofen, der aufgrund mangelnder Elektrizität eigentlich nicht legal betrieben werden durfte, zu wärmen, und gemeinsam fabrizierten wir aus uns unbekannten lokalen Lebensmitteln so etwas wie eine Pizza oder ein Pasta Gericht.

Was uns jedoch trotz der vielen Freundschaften in der Fremde fehlte, waren Gleichgesinnte. Bei den Expats handelte es sich zum Großteil um Delegierte von Medicines sans Frontieres oder Save the Children, selten um die Gründer der Organisationen selbst. Wir sehnten uns nach Kontakten zu Leuten, die wie wir so verrückt waren, sich zu zutrauen, ein Hilfsprojekt, eine Schule, oder eine Klinik aus dem Boden zu stampfen. Es war doch etwas ganz anderes, ob man “nur” die im fernen Europa ausgeklügelten Hilfsmaßnahmen umsetzte, von anderen gesammelten Spendengeldern ausgab und vorher entschiedene Operationen ausführte oder ob man gleichermaßen Verantwortung für alle projektrelevanten Teilbereiche hatte. Daher wünschen wir uns heute, dass es den kantharis mit ihren Netzwerken besser ergeht. Wir freuen uns über jegliche Anzeichen der generationenübergreifenden Solidarität.

Besonders diejenigen, die aus Ländern stammen, in denen schon viele kantharis erfolgreich wirken, haben großes Glück. Denn während Freunde oder Familienangehörige den neuen, oft sehr unkonventionellen Projekt-Ideen eher skeptisch gegenüberstehen, haben die erfahrenen kantharis immer ein offenes Ohr. Und, da sie die Bürokratie, die Möglichkeiten, aber auch die Grenzen ihres eigenen Landes aus erster Hand genau kennen, können sie den “Startern” mit praktischen Problem-Lösungen zur Seite stehen.

Ein gutes Beispiel für ein Solidaritätsnetzwerk unter kantharis ist die Gruppe aus dem Süd-Afrikanischen Zimbabwe. Besonders die Berichte Mirrandas machen deutlich, wie wichtig solch eine generationsübergreifende Hilfestellung in der Anfangsphase sein kann.

Nachdem Mirranda vor knapp einem Vierteljahr nach Zimbabwe zurückgekehrt ist, mache ich einen ersten Anruf:

“Hallo?”

“Hi!”

“Kannst Du mich hören?”

Immer das Gleiche, denn entweder hier oder auf der anderen Seite der Welt, irgendwo gibt es immer Internet Probleme. Das schreckt uns aber nicht davon zurück, uns regelmäßig mit den frisch zertifizierten kantharis auszutauschen. Und in dieser Woche ist Mirranda an der Reihe. Sie gehörte, mit ihren 20 Jahren, zu den jüngsten kanthari Teilnehmern. Offiziell heißt es auf unserer Webseite, dass wir erst ab 22 Jahren Anmeldungen akzeptieren. Sonst sehen wir uns offen für alle Altersgruppen. Nun, ein gutes Maß an Lebenserfahrung muss schon sein. Als wir aber die Bewerbung von Mirranda durchsahen und uns ein kleiner Einblick in ihren Lebenslauf gewährt wurde, verlor das Mindestalter seine Bedeutung.

Während des siebenmonatigen Kurses hier in Kerala saß ich mit Mirranda für viele Stunden auf unserer Dachterrasse und hörte mir ihre Lebensgeschichte an. Ich war erschüttert, erstaunt, sprachlos und dann wieder voller Bewunderung. Beim Zuhören musste ich mir wieder und wieder vor Augen halten, dass sie all das, was mindestens drei Leben hätte füllen können, in nur 20 Lebensjahren erfahren hatte.

Mirranda war gerade einmal sechs Jahre alt, als die Mutter, die von Gewalt und Alkohol überschattete Beziehung mit ihrem Mann nicht mehr aushielt. Sie liess die Kinder beim Vater zurück, um selbst ein neues Leben in Südafrika zu starten.

 

Von da an wurden Mirranda und ihre zwei Jahre ältere Schwester zu unfreiwilligen Nomaden. Sie zogen von einer Familie zur nächsten und überall fühlten sie sich nicht zugehörig, ausgenutzt und immer ‘zu viel’. Mirranda erzählt von täglicher verbaler Gewalt, von offensichtlicher Ablehnung und von einer Vergewaltigung durch einen ihrer entfernteren Cousins. Der Cousin bedrohte sie mit den Worten: “Ukangotaura chete ndinokuuraya nemhuri yako” (Falls Du jemanden etwas erzählst, werde ich Dich und Deine Familie umbringen.)

In der Vorstellungsrunde, gleich zu Beginn des Kurses erzählte sie zum ersten Mal davon. Damals verschämt und mit zitternder Stimme. Auf der Dachterrasse, knapp drei Monate später, beschrieb sie erneut diese traumatische Erfahrung. Diesmal ganz ohne Scham, dafür aber mit Wut. Sie machte mir klar, dass sie es fortan nicht mehr verheimlichen wollte. Das verursachte eine mittlere Familienkrise, denn ohne den Namen des Cousins zu nennen, machte sie durch Social Media ihr Erlebnis öffentlich.

“Er kann mich nicht mehr töten, denn das kleine hilflose Kind von damals ist schon tot. Stattdessen lebe ich! Ich bin stark und ich weiß, mich zu wehren.”

Genau das nimmt man ihr ab, wenn man sie, wie bei den kanthari Talks auf der Bühne sprechen sieht. Sie ist für alle Zuhörer deutlich eine Überlebende. Stark, aber nicht verbittert, erzählt sie von dunklen, untröstlichen, aber auch von wunderschönen Zeiten. Als sie etwa neun Jahre alt war, kam ihre Mutter zurück, um sie und ihre Schwester mitzunehmen. Die Mutter hatte sich in einen Deutschen Expatriat verliebt und zum ersten Mal, allerdings nur für wenige Jahre, erlebten die beiden Kinder, was es bedeutet, einer geborgenen liebevollen Familie anzugehören. Der neue Stiefvater hatte einen Traum. Er wollte in Namibia ein Ökotourismus Camp aufbauen. Die Wildnis, der See, die Nilpferde und die nächtlichen Lagerfeuer unter dem Sternenhimmel war für ganze fünf Jahre ihr Zuhause. Dann aber wurde die Mutter schwer krank. Man brachte sie zurück nach Zimbabwe, wo sie schliesslich verstarb. Mirranda war gerade einmal 14 Jahre alt.

“Von da an wurden wir wieder von einem zum anderen verschoben. Hin und wieder lebte ich auch im Internat. Überall fühlte ich mich einsam.”

Irgendwann heckten die Geschwister ein Plan aus. Sie wollten zurück nach Namibia, zurück zu ihrem Stiefvater. Doch als sie ihn kontaktierten, fanden sie heraus, dass er sich nach dem Tod der Mutter das Leben genommen hatte.

“Am Ende wohnten wir bei unserem Großvater. Doch auch der hatte schon bald die Nase voll und warf uns hinaus. Das war unser Glück, denn jetzt konnten wir offiziell für uns selbst sorgen. Meine Schwester und ich mieteten ein Zimmer und zum ersten Mal hatten wir ein Zuhause.”

Und was entstand aus all ihren guten und schlechten Erfahrungen? In ihrer Rede während den kanthari Talks beschreibt sie ihr Traum-Projekt mit Namen “Khanya Africa”.

Sie richtet sie sich an Teenager, die sich wie sie selbst mit den Veränderungen mit ihrem eigenen Körper und von der Welt da draußen verlassen fühlen. Sie möchte besonders jugendlichen Mädchen dazu gewinnen, sich im Falle gefühlter Einsamkeit Hilfe zu suchen. Entweder professioneller Art oder sie können sich an Khanya Africa wenden.

 

Zur Erneuerung der Motivation und des Selbstbewusstseins, wird sie Workshops und Wildness-Camps organisieren. Sie möchte, dass viele Teenager ähnlich gute Erfahrungen mit der Wildnis haben, wie sie selbst und ihre Schwester damals in Namibia.

Ein deutscher Bekanter, Vater von zwei pubertierenden Jugendlichen, sah sie gemeinsam mit seinem älteren Sohn im kanthari talks Live-Stream. Der Sohn, der gerade durch eine Motivationskrise ging, war von ihrem Selbstbewusstsein, ihrer Willensstärke und ihrer Offenheit so angetan, dass er sich überlegte, freiwillig ein Referat über Mirranda und ihr Leben in der Schule zu halten.

Und was ist aus ihren Ideen geworden?

Bereits Anfang dieses Jahres organisierte sie ihren ersten Khanya Workshop mit 14 Mädchen zwischen 9 und 20 Jahren.

Viele der Jugendlichen berichteten von ihren Emotionen, von ihren Ängsten nicht geliebt zu sein, von ihrer Sorge vor der Zukunft, aber auch von ihren Hoffnungen, selbst Lösungen für ihre Probleme zu finden.

Die 18jährige Ruvimba (Namen geändert) berichtete zum ersten Mal im Leben über erfahrenen sexuellen Missbrauch. Und genau wie Mirranda möchte sie kein Opfer sein, sondern anderen Kindern helfen, sich zu wehren.

“Sie wird sich bestimmt einmal für kanthari bewerben.” sagt Mirranda, und ich höre, wie sie sich freut, ein Glied in der kanthari Kette sein zu können.

Mirranda selbst erfuhr vom kanthari Programm durch Trevor, einem Absolventen von 2018, der sich mit seiner Organisation “Purple Hand Africa” für die unterdrückte und kriminalisierte LGBTQ-Gemeinschaft einsetzt. Gemeinsam kontaktierten sie Nancy, eine engagierte Initiatorin einer Schule und Teilnehmerin des 2022 kanthari Kurses. Nancy bot Mirranda Räumlichkeiten in ihrer Schule für ihren ersten Khanya Workshop an. So wird die Information über kanthari von einer Generation an die nächste weitergeleitet. Und langsam spinnt sich ein Netzwerk von engagierten Veränderern, Projektgründern und Initiatoren, eine Gemeinschaft, die wir damals so dringend benötigt hätten.

born to be wild

“Alles ist schwierig, jeden Tag gibt es neue Herausforderungen. Aber zum Glück sind wir zu zweit. Wenn der eine mal aufgibt, hat der andere genug Energie, um uns wieder vorwärtszutreiben.” Niwas und Shivani, 2021 kanthari Teilnehmer aus Indien

Die Start-Up Phase

Die Berichte der beiden erinnern mich an unsere eigene Start-phase vor fast 25 Jahren. Damals hatten wir, Paul und ich, die verrückte Idee, in Tibet die erste Blindenschule zu gründen

Jetzt lausche ich den aufgeregten Berichten von Niwas und Shivani und ich fühle mich sofort in unsere eigene Vergangenheit zurückversetzt.
Ich erinnere mich an unseren Versuch, leere, hallende Räume durch sperrmüllreife Betten und Tische ein wenig bewohnbar zu machen,
An die allabendlichen recht kargen Mahlzeiten, dünne Reissuppe mit ein wenig Kohl und Chili Paste gewürzt. Zubereitet auf einem maroden Campingkocher. Mahlzeiten, die uns nur noch hungriger ins Bett entließen.

An die Nächte, in denen man nur unruhig schlief und bei jedem Knistern hochschnellte, um die Ratten, die es auf unsere dürftigen Lebensmittel abgesehen hatten, mit einem “Tschusch!” zu verjagen.
Und ich erinnere mich an das Gefühl nicht wirklich willkommen zu sein, obwohl man doch nur etwas zum Positiven verändern wollte.
Zum Glück waren wir, genau wie Niwas und Shivani, zu zweit, und wenn immer einer von uns die Nase voll hatte und alles hinwerfen wollte, hatte der andere eine Idee, wie wir diese oder jene Herausforderung meistern könnten. So kletterten wir über eine Hürde nach der anderen, bis wir heute schließlich in der Lage sind, andere zu ermutigen, weiter zu klettern.

 

Keine Anfänger mehr

Shivani und Niwas haben uns, den naiven Anfängern von damals, aber etwas Entscheidendes voraus. Sie sind keine Anfänger, sie wissen, was sie tun.
Fast ein Jahr haben sie, während dem kanthari Programm an ihren Ideen gearbeitet, haben ihre Projekte in einer virtuellen Welt ersten Stresstests unterzogen, sich vielen kritischen Fragen von Teilnehmern und Katalysatoren aussetzen müssen und sie haben klare Pläne und überzeugende Strategien entwickelt, wie sie jedes einzelne Problem in den Griff kriegen können.

Es handelt sich bei ihren Projekten um zwei unterschiedliche Ideen, die, aufeinander abgestimmt, sich zu unserem Erstaunen, äußerst gut ergänzen.
Shivanis großer Wunsch ist, mit ihrer neugegründeten Organisation “Wild” etwas zur Rettung der Artenvielfalt, der Wälder beizusteuern. Dabei konzentriert sie sich im Besonderen auf das Training von Frauen der Ureinwohner, die jenseits der großen Metropolen leben und durch die Ausbreitung der industriellen Landwirtschaft ihre traditionelle Anbaumethoden verloren haben. Zudem ist sie aufgrund ihrer eigenen Sehschädigung, daran interessiert, besonders auch Menschen mit Behinderungen in die natürliche Landwirtschaft zu integrieren.

Niwas möchte mit seinem Projekt Anantmool, eine Schule mit einem ganz eigenen Lehrplan gründen. Es geht ihm besonders um freien, zwanglosen Unterricht, in dem es keine Rolle spielt, ob man sich wie ein Junge oder ein Mädchen fühlt und sich dadurch auf ganz bestimmte Fächer, Aktivitäten oder Spiele beschränkt. In seiner Schule soll es keine Kastenunterschiede, keine Hierarchien geben. Die Lehrer werden mit ihrem Vornamen angesprochen, die Schüler dürfen über das zu Lernende mitentscheiden.

Es handelt sich um zwei große Visionen. Und daher traten wir im Geheimen mental auf die Bremse, als sie uns im Dezember verkündeten, dass die ersten Projekte schon im Januar starten sollten, und die Schule würde dann Mitte Februar eröffnet.

Sie machten aber ihr Versprechen wahr. Mitte Januar berichtete Shivani von ihrem Getreide Kaffee Projekt, dass sie gemeinsam mit ureinwohner und behinderte Frauen ins Leben riefen.

Und Niwas fand im gleichen Dorf eine alte verlassene Schule, die bis vor sieben Jahren von einer christlichen Organisation geleitet wurde. Irgendwann gingen aber die Gelder aus und die Kinder der Dorfeinwohner, die im 3 Kilometer Umkreis keine einzige Schule vorfinden, mussten ohne Bildung aufwachsen. Eine ganze Generation ist also nicht in der Lage, zu lesen, zu schreiben oder Hindi zu sprechen.

Doch plötzlich ging alles sehr schnell.

Doch plötzlich ging alles sehr schnell. Shivani und Niwas befreiten die Schule vom Wildwuchs, säuberten die Toiletten von schleimigen Maden und toten Insekten, sie renovierten die Klassenzimmer und befreiten den Spielplatz von Ästen und wucherndem Blattwerk und siehe da, die ersten Kinder tauchten auf und füllten den über Jahre verlassenen Schulhof mit Lachen, Schreien und dem Quietschgeräuschen der alten Schaukeln.

Und noch ein paar Tage später zählte ihre Schule 26 Kinder zwischen fünf und zwölf Jahren. Es handelt sich um Kinder aus der direkten Umgebung und solche die mehr als zwei Kilometer Schulweg durch Dschungel in einer Berglandschaft hinter sich bringen müssen, um am Unterricht teilnehmen zu können.

Einige Schüler sind Kinder der Frauen, mit denen Shivani bereits gearbeitet hat. Sie haben Vertrauen zu dem fremden Paar. Andere Eltern sind skeptisch und schleichen sich während dem Unterricht in die Schule, um alles selbst unter Augenschein zu nehmen.
“Das ist mir sehr recht,” sagt Niwas, “denn nur so können wir sie überzeugen.”

Bei den Müttern geht die Überzeugungsarbeit schnell von statten. Denn was gibt es eindrücklicher, als zu sehen, dass Kinder mit Spaß lernen. Allerdings ist ihnen die Art des Unterrichts noch fremd.
“Die Woche ist in drei Arbeitsbereiche gegliedert.” erklärt mir Niwas. “Montags und Donnerstags werden Konzepte gelernt. Inhalte sind Hindi und Englisch, Mathematik und Naturwissenschaften. Dienstags und Freitags werden die Konzepte in die Praxis umgesetzt. Hier geht es um Erfahrung, um spielerische Experimente. Der Mittwoch ist der Tag des Gemeinwohls, da kochen die Kinder für die armen Familien im umliegenden Dorf oder sie helfen in der Landwirtschaft.”

 

Schlau ausgeklügelt

Das ist schlau ausgeklügelt, denn so gewöhnen sich die Ureinwohner an die Vorteile, die das neue Schulprojekt in ihre Kommune bringt. Und trotz alledem gibt es großen Widerstand.
Shivani erzählt, wie sie nachts von Fremden am Telefon beschimpft werden. “Wir sollten so schnell wie möglich verschwinden, sagt die Stimme. Und obwohl uns der Dorfoberste  zugesichert hat, dass wir keine Sorgen haben müssten, gibt es nachts Leute die draußen herumschleichen, um uns Angst einzujagen.”

“Aber dann sind da die Kinder und wir wissen, warum wir das ganze aushalten müssen!” sagt Niwas und ich höre sein Lächeln in der Stimme als er von einem kleinen Mädchen erzählt, dass anfangs in Schuluniform auftauchte. Das Mädchen stand immer abseits, wollte bei den wilden Spielen der anderen nicht mitmachen und fühlte sich wohl etwas fehl am Platz. Doch dann kam es, wie die anderen Kinder auch in Alltagskleidung und plötzlich lebte es auf. Das Mädchen fing an auf Bäume zu klettern und sich mit den anderen im Dreck zu balgen. Beim Fußballspielen guckten die Mädchen zunächst noch zu, bis Shivani zeigte, dass jedes Kind Ballspielen kann.

Shivani und Niwas haben bereits einen dritten Mitstreiter, einen jungen Ureinwohner, der ihnen beim Übersetzen hilft und schon einige Unterrichtsfächer übernimmt. Die ersten Hürden sind genommen, und da sie bereits Kindern und Frauen Hoffnung gegeben haben, sind Shivani und
Niwas selbst motiviert, weiterzumachen.

Da schreckt es sie auch nicht zurück, wenn von einem Mangobaum, gleich über dem Pfad zur Außentoilette, eine grüne Giftschlange herunterbaumelt und sich Niwas nur mit einem Hechtsprung retten kann, wenn die Ameisen Kolonien ihre wenigen Vorräte vertilgen oder wenn sie sich nur einmal in der Woche richtig waschen können. All das wird sie für die Zukunft stärken und irgendwann wird es eine spannende Geschichte sein, die andere ermutigt, nur nicht aufzugeben.

Am Ende sind wir alle dazu geboren, in der Wildness zu überleben.

Die große indische Schatzsuche

Indien hat die höchste Anzahl von Jugendlichen in der Welt. Umso schwerwiegender ist die Tatsache, dass die indische Kultur höchst konservativ ist und sich, zum Schaden der jungen Generation in vielen Bereichen an traditionelle, oft einschränkende Werte klammert.

Die soziokulturelle Erziehung in Verbindung mit dem Bildungssystem spielt eine große Rolle dabei, dass Jugendliche nicht in der Lage sind, über den Tellerrand hinauszublicken. Kinder werden überbehütet und daran gehindert, eine freie und abenteuerliche Kindheit zu erleben, und junge Menschen werden nicht ermutigt, Fragen zu stellen, eine Meinung zu haben oder die eigene Komfortzone zu verlassen. KHOJ möchte das ändern. Der Gründer und kanthari Absolvent Abhilash John
ist davon überzeugt, dass ein Mensch, der aus dem “Gewohnten”
heraustritt und seine Ängste auf den Prüfstein legt, offen dafür wird,
neue Fähigkeiten zu erlernen. solche Menschen wachsen, denn sie sind in
der Lage, sich Ziele zu setzen.

Pilotprojekt in Orissa

Derzeit führt Khoj ein einmonatiges Pilotprojekt in Orissa durch. Hier arbeitet eine kleine Anzahl von Jugendlichen als Freiwillige im Hilfsprojekt Janamangal mit. Die Gastgeberin ist Jyotshna Das, ebenfalls eine kanthari Absolventin von 2015.

Die Freiwilligen nehmen an abenteuerlichen und praktischen Aktivitäten teil, die ihnen die nötige Erfahrung vermitteln, um aus ihrem Schneckenhaus herauszukommen, Selbstvertrauen aufzubauen und Wege zu erkunden, die sie sonst nicht gehen würden. Einer der Freiwilligen, Ijaz, schrieb kurz über ein bewegendes Erlebnis mit zwei seiner Co-Teilnehmern:

“Kommunikation ist immer präsent. Selbst wenn man nicht weiß, wie man das, was der andere sagt, in Worte fassen kann, finden wir einen Weg, zu kommunizieren.

Adithyan ist schwach in Englisch und versteht kein Hindi, und Smithas Muttersprache ist Oriya, aber sie spricht Hindi, und sie versucht, Englisch zu lernen. Es ist so herzerwärmend, ihre Konversation zu sehen.

Sie nehmen sich viel Zeit und bringen sich gegenseitig ihre Sprachen bei, denn beide sind sehr lernbegierig und enthusiastisch.

Smitha möchte auch Malayalam lernen, da sie nie außerhalb ihres Dorfes Kontakt hatte und gerne mehr über unsere Kultur und Sprache erfahren würde. Als sie aufwuchs, wurde sie von ihren Eltern daran gehindert, mit Jungen zu sprechen, und sie hat sich immer vor einem Gespräch gedrückt. Heute öffnet sie sich und kommt aus ihrer Komfortzone heraus. Hier gibt es so viel über das Leben zu erleben.

Auch Adithyan ist noch nie allein in einen Zug gestiegen oder hat eine Fahrkarte gebucht. Allein diese Zugreise hat ihm ein neues Leben eröffnet, denn er musste zum ersten Mal richtige Barrieren überwinden.

Adithyan und Smitha lernen jetzt die Kultur des jeweils anderen kennen, und sie sprechen zu sehen, ist etwas, das ich auf keinen Fall verpassen möchte.”

Die Reise zur Transformation ist gespickt mit Momenten wie diesen.

 

Langfristige Vision von KHOJ

Dieses Pilotprojekt testet die Idee der langfristigen Vision von KHOJ: The Great Indian Treasure Hunt (Die große indische Schatzsuche) zukünftig ein achtmonatiges Programm für indische Jugendliche (18 bis 28). Das Programm soll den Jugendlichen ermöglichen ganz andere Welten kennen zu lernen. Dabei arbeiten sie in sozialen Projekten, setzen sich für die Umwelt ein und müssen schwierige Aufgaben lösen. Das Ganze zielt darauf ab, Erfinder, Künstler, Philosophen, unternehmerische Geister und professionelle Teamplayer hervorzubringen – alles in allem junge Menschen, die keine Angst vor Fehlschlägen haben und sich daher trauen, in ihrem Leben Risiken einzugehen. Hier spricht Gründer Abhilash John über seinen Traum und mehr über KHOJ können Sie hier erfahren.

Ijaz, der hier in diesem Blog den kleinen Einblick in seine ersten Erfahrungen gewährt, sieht sich als Geschichtenerzähler.

Er ist in Saudi-Arabien geboren und aufgewachsen und später für sein Studium nach Indien gezogen. Durch die große indische Schatzsuche möchte er das Leben in den ländlichen Gebieten Indiens kennen und verstehen lernen und mehr über deren Kultur erfahren. Er glaubt, dass es hier eine Geschichte gibt, die darauf wartet, erzählt zu werden.

Neustart ins Leben

In diesem Blog erzählt Ihnen Puneet Singhal, 2021 kanthari Teilnehmer, wie er in einem armen Viertel von Neu-Delhi mit einem Stottern aufgewachsen ist. Erfahren Sie wie ihn sei Mentor dazu inspirierte, eine Initiative zu gründen, die sich für Menschen mit Sprachstörungen einsetzt.

Eine Achterbahnfahrt als Lebensweg

Mein bisheriger Lebensweg war eine Achterbahnfahrt. Ich wurde in Neu-Delhi in der Sangam Vihar geboren, einer der größten nicht genehmigten Slum-Kolonien Asiens. Dort leben viele Menschen aus der Arbeiterklasse und ich litt dort oft unter der Armut. Selbst Trinkwasser und der Zugang zu Toiletten waren ein Luxus. Nach Angaben der Times of India stammen 90 % der Kriminellen im Süden Delhis aus diesem Viertel. Die Jugendlichen sind in alle möglichen illegalen Aktivitäten verwickelt und es gibt kaum erkennbare Möglichkeiten für sie. Die Zahl der Selbstmorde unter Jugendlichen ist wegen des Mangels an Beschäftigung stark angestiegen.

Ich hörte auf zu kommunizieren

Als Kind wurde ich zum ersten Mal Zeuge von Gewalt unter Erwachsenen. Ich fühlte mich verletzt und so betäubt, dass ich stundenlang an einem Ort stand, ohne einen einzigen Gedanken fassen zu können. Ich fühlte mich wie in Fesseln. Vorher hatte ich Angst, im Dunkeln zu sitzen. Jetzt fand ich Zuflucht in der Dunkelheit und habe aufgehört zu kommunizieren.

Die Schulbühne, auf der ich mich früher wohl gefühlt hatte, verwandelte sich in ein Schlachtfeld. Wenn mir eine Frage gestellt wurde, kamen meine Worte nicht mehr heraus. Eines Tages fing die ganze Klasse an zu stammeln: “Gu-gu-gu-guten Morgen”. Ich merkte, dass sie sich über mich lustig machten. Meine Klassenkameraden und ihre Eltern beschwerten sich sogar beim Schulleiter. Sie befürchteten, dass ich einen schlechten Einfluss auf sie hätte und sie alle zu Stotterern machen würde. Meine Mutter konnte nicht glauben, dass ihr Sohn, dessen Zunge so schnell wie ein Zug und so scharf wie eine Rasierklinge war, Probleme mit Sprechen hatte. Ich wurde ständig verspottet und verlor mein Selbstvertrauen völlig.

Das Stottern lindern

Ich wandte verschiedene Strategien an, um mein Stottern zu lindern. Ich suchte nach Alternativen für Wörter, bei denen ich normalerweise stecken blieb und reduzierte meine Aussagen auf ein Minimum oder kam zu spät, um mich nicht vorstellen zu müssen. Wenn andere versuchten, mir zu helfen, indem sie mich baten, langsamer zu sprechen oder meine Sätze zu beenden, wurde ich noch unsicherer. Und dann gab es da noch diese seltsamen und ziemlich gefährlichen Ratschläge, wie Asche von verbrannten Leichen zu lecken oder Alaun auf die Zunge zu reiben, bis die obere Schicht entfernt war.

Wenn ich zurückblicke, war meine Kindheit nicht einfach. Aber bereue ich es, gestottert zu haben? Nein. Es hat mich zu einem sensibleren Menschen gemacht. Ich fühle mich mit allen verbunden, die ihre Gedanken nicht ausdrücken können und sich danach sehnen, verstanden zu werden.

Funken der Inspiration

Der Austausch mit anderen Social Change Maker aus verschiedenen Kulturen, Ländern und mit unterschiedlichem Hintergrund regte mich zum Nachdenken an und eröffnet mir eine ganz neue Perspektive. Eines Tages sprach ich mit meiner Mentorin Sabriye Tenberken. Sie ist eine blinde, inspirierende Frau und Gründerin von kanthari. kanthari ist ein Führungsprogramm für Visionäre, die einen ethischen sozialen Wandel vorantreiben wollen. Ich erzählte ihr von meiner Teilnahme an der Jahreskonferenz der Indian Stammering Assoziation und wie diese zwei Tage mir geholfen haben, mein Stottern zu akzeptieren. Ich erkannte, dass es mich zu einem geduldigeren, einfühlsameren und bewussteren Menschen gemacht hat. Plötzlich unterbrach mich Sabriye und fragte: “Warum arbeitest Du nicht für Menschen mit Sprachstörungen?”. Diese Frage machte für mich so viel Sinn. Ich sah diese Idee als den Beginn eines neuen Abschnitts in meinem Leben und nannte ihn ‘ssstart’, denn so spreche ich das Wort Start aus.

Mit Sitz in Neu-Delhi wird ssstart ein Zentrum der Hoffnung sein. Durch spannende Workshops, Aktivitäten und Veranstaltungen soll die Wärme der menschlichen Kommunikation bei Menschen mit Sprachstörungen wiederbelebt werden. Wir werden interaktive Räume für Menschen jeden Alters, Geschlechts und Hintergrunds bereitstellen, um freie, verletzliche und geduldige Menschen zu werden. Unser Hauptziel bei ssstart ist es, authentische Kommunikatoren zu schaffen, die ihre Botschaft gründlich vermitteln und ein Gleichgewicht zwischen Sprechen und Zuhören schaffen.

Einschränkungen als Vorteil

Wir glauben, dass jede Einschränkung auch als Vorteil betrachtet werden kann, wir nennen es den “unfairen Vorteil”. Bei ssstart bemühen wir uns, Menschen mit verschiedenen Sprachstörungen wie Stottern, Lispeln, Sigmatismus (wiederholte Verwendung des “s” in jedem Wort) und Aphasie (Schwierigkeiten beim Zusammenfügen von Wörtern und Sprache) zu unterstützen, indem wir uns auf direkte und wahrheitsgemäße Kommunikation konzentrieren und dabei Sprachbehinderungen einbeziehen.

Außerdem setzen wir uns für eine Gesellschaft ein, die offen kommuniziert, kritisch denkt und Menschen schätzen und Geduld haben. So dass wenn wir, die Sprachgestörten, unsere Botschaften übermitteln wollen, die Nicht-Sprachgestörten zuhören, bis wir fertig sind, auch wenn es einige Zeit dauert. Das bedeutet auch, dass die Zuhörer unsere Sätze nicht beenden, wenn wir nicht weiterkommen.

Wir verdienen es gehört zu werden

Wir werden durch Aktivitäten wie Stand-Up-Comedy, Rappen und Straßentheater Humor beweisen. Wir werden beweisen, dass wir es verdienen, gehört zu werden und in die Gesellschaft zu gehören. Gelegentlich laden wir erfolgreiche Persönlichkeiten mit Sprachbehinderungen ein, um das Selbstvertrauen unserer Teilnehmer zu stärken und ihnen zu zeigen, dass auch sie ihre Träume durch ständige Übung und Entschlossenheit verwirklichen können. Wir bieten Workshops zu den Themen Körpersprache, öffentliches Sprechen und Gebärdensprache an. Zusätzlich holen wir auch Hilfe von erfahrenen Psychologen, für Menschen, die unter Traumata leiden und klinische Unterstützung benötigen.

Wir haben es uns zur Aufgabe gemacht, die Konventionen zu hinterfragen, die unsere Existenz mechanisieren. Wir entwickeln Methoden für neue Wege der Kommunikation, die einfach und doch effektiv, langsam und doch dauerhaft, professionell und doch spielerisch sind. Los geht’s!

Sie können sich über Puneets Initiative auf der ssstart-Website informieren.

Ein besonderer Stil der Ko-Kommunikation

Puneet Singh Singhal, Neu-Delhi, Indien, begann zu stottern, als er im Alter von sieben Jahren Zeuge von Gewalt wurde. In Kürze veränderte sich sein Charakter. Verspottet von seinen Klassenkameraden, verwandelte er sich von einem Kind, das liebte, im Rampenlicht zu stehen, zu einem eingeschüchterten Jungen, der sich weitgehend absonderte und jegliche Konversation zu vermeiden suchte. Heute steht Puneet zu seinem besonderen Kommunikationsstil und träumt davon, mit seiner Organisation ssstart diejenigen zu befreien, die wegen ihrer Unfähigkeit, fließend zu kommunizieren, gefangen sind.

Als ich gerade in die Schule ging, war das Leben schön. Ich erinnere mich, dass es mir zu Beginn meiner Schulzeit so viel Spaß machte, Mathematik, Zeichnen, Englisch und Hindi zu lernen. In der Schulversammlung habe ich gerne vor allen unsere Morgenandacht gesprochen und ich habe ohne Scheu die Nationalhymne gesungen. Im Unterricht war ich derjenige, der die Rechentabelle laut vorlas, während meine Klassenkameraden es mir nachmachten.

Doch dann änderte sich alles, als ich zum ersten Mal Zeuge von Gewalt unter Erwachsenen wurde. Ich fühlte mich verletzlich und irgendwie so betäubt, dass ich stundenlang an einem Ort stand, ohne einen einzigen Gedanken zu fassen. Es war, als wäre ich geknebelt und gefesselt. Vorher hatte ich Angst, im Dunkeln zu sitzen, aber jetzt fand ich Zuflucht in der Dunkelheit.

Ich hörte auf zu kommunizieren. Wenn mir eine Frage gestellt wurde, kamen meine Worte nicht mehr heraus. Die Schulbühne, auf der ich mich früher wohlgefühlt hatte, verwandelte sich in ein “Schlachtfeld”.

Eines Tages fing die ganze Klasse an, “gu-gu-gu-guten Morgen” zu stammeln, und ich merkte, dass sie sich über mich lustig machten.

Meine Klassenkameraden und ihre Eltern beschwerten sich sogar beim Schulleiter, dass ich einen schlechten Einfluss hätte und sie alle zu Stotterern machen würde. Meine Mutter konnte nicht glauben, dass ihr Sohn, dessen Zunge so schnell wie ein Zug und so scharf wie eine Rasierklinge war, Probleme mit seiner Sprache hatte! Da ich ständig verspottet wurde, verlor ich völlig mein Selbstvertrauen.

Ich wandte verschiedene Strategien an, um mein Stottern zu lindern: Ich suchte nach Alternativen für Wörter, bei denen ich nicht weiterkam, reduzierte meine Aussagen auf ein Minimum oder kam extra zu spät, um mich nicht vorstellen zu müssen.

Wenn Leute versuchten, mir zu helfen, indem sie mich baten, langsamer zu sprechen oder wenn sie sich bemühten, meine Sätze zu beenden, war das keine Hilfe, mein Stottern wurde mir umso bewusster.

Und dann gab es da noch diese seltsamen und ziemlich gefährlichen Ratschläge, wie Asche von verbrannten Leichen zu lecken oder Alaun auf die Zunge zu reiben, bis die obere Schicht entfernt war. Wenn ich zurückblicke, war meine Kindheit nicht einfach, aber bereue ich es, gestottert zu haben? Nein. Es hat mich zu einem sensibleren Menschen gemacht. Ich fühle mich mit allen verbunden, die ihre Gedanken nicht ausdrücken können und sich danach sehnen, verstanden zu werden.

Im Sommer 2018 kam ich in Kontakt mit Vinayak, einem Mann, der fast 7 Minuten brauchte, um sich vorzustellen. Er war von der Indian Stammering Association (TISA) und lud mich ein, an der jährlichen Konferenz in Delhi teilzunehmen.

Als ich den Rednern zuhörte, war ich erstaunt, wie selbstbewusst und sicher sie in der Öffentlichkeit auftraten. Schon bald fand ich mich in meinem “Stamm” wieder, und nun waren wir diejenigen, die sich über unsere Unfähigkeit, oder sollte ich sagen, unseren besonderen Kommunikationsstil, lustig machten! Zum ersten Mal musste ich nicht mehr vor mir selbst weglaufen.

Am nächsten Tag bekamen wir die Aufgabe, mit Fahrgästen in der U-Bahn von Delhi zu sprechen. Wir erzählten ihnen von unseren Herausforderungen und wie wir uns fühlten, wenn man uns lächerlich machte. Die Leute hörten uns zu und unterschrieben ein Gelöbnis, dass sie auf jeden, der ein Kommunikationsproblem hat, Rücksicht nehmen werden.

All dies half mir, mit mir selbst in Einklang zu kommen und mich und mein Stottern zu akzeptieren. Da ich merkte, dass ich nicht alleine mit dem Problem war, konnte ich mein Leben selbst in die Hand nehmen.

Und BUMM! Ich sprang wieder auf die Bühne und nutzte jede Gelegenheit, um kläglich zu versagen, mehr als je zuvor. Aber eines habe ich gelernt: Ich kann jetzt meinen Namen fließend aussprechen, einen Namen, der mit “Pu” beginnt – ein Laut, mit dem ich immer Probleme hatte.

In meiner Heimatstadt Neu-Delhi möchte ich ein Zentrum namens ssstart einrichten. Es wird ein Ort der Kommunikation sein. Wir werden Workshops wie die Folgenden anbieten:

1. What’s the hurry! workroom: Hier arbeiten wir mit Stotterern, Lisplern und Menschen mit anderen Sprachstörungen. Unser Ziel ist es nicht, sie zu behandeln, sondern sie im Leben voranzubringen und ihnen Techniken zu vermitteln, wie sie mit verschiedenen Herausforderungen umgehen können. Wir machen ihnen Mut, bessere Zuhörer zu werden.

2. Körper ohne Blabla: Die nonverbale Kommunikation ist bei unseren Interaktionen von großer Bedeutung. Augenkontakt, Mimik, Gestik und Körperhaltung sind Teil dessen, was wir “Körpersprache” nennen. In diesem Workshop werden wir den Teilnehmern helfen, verschiedene Formen der nonverbalen Kommunikation zu erkunden.

3. Sprechen mal anders: Hier erkunden wir Möglichkeiten und tauchen tief in die Gebärdensprache und die Blindenschrift ein und erfahren, wie diese Kommunikationsmittel dazu beitragen können, neue Aspekte der Kommunikation zu aktivieren.

4. Das Leben auf der Bühne: Das Sprechen in der Öffentlichkeit ist die
an der weitesten verbreiteten Angst
der Menschen weltweit. In diesem Workshop helfen wir unseren Teilnehmern, Lampenfieber zu überwinden, indem wir das Eis brechen, Gesangsübungen machen und

Möglichkeiten schaffen, sich dem Publikum zu stellen, ohne Angst zu haben. Unser Ziel ist es, die Bühne zu ihrer Komfortzone zu machen und sie von dieser Angst zu befreien. Überall in der Welt gibt es viele Organisationen, die sich mit diesen Sprachstörungen befassen. Sie schaffen Bewusstsein und erheben ihre Stimme, um die Akzeptanz von Stotterern und “talkern” zu erhöhen. Allerdings erlauben sie es Nicht-Stotterern nicht, ihrer Organisation beizutreten. Wenn sie das aber täten, könnten Nichtstotterer sehr viel besser für und mit uns sprechen.

Nur so kann in der Gesellschaft ein neues Umdenken entwickelt werden, um Stottern und andere Sprachstörungen zu normalisieren.

Lasst uns nicht lange reden, let’s ssstart!

Set Me Free

Abhilash John stammt ursprünglich aus Kerala im Süden Indiens, wuchs aber in Ahmedabad in Gujarat auf.

Als Jugendlicher fühlte er sich eingesperrt in einen Käfig gesellschaftlicher Zwänge und Erwartungen. Wie Andere seines alters war es ihm nicht möglich eigene Ideen zu entwickeln und seinen individuellen Lebensweg zu verfolgen.

Es war ein Straßenkind, das ihm half, seine Ängste zu überwinden und seine Stärken und Leidenschaften zu entdecken. Mit seiner organisation “Khoj”, bietet er indischen Jugendlichen “The great Indian Treasure Hunt” an. Es handelt sich um eine 8-monatige Abenteurtour durch Indien. Diese Tour soll den jungen Menschen Türen öffnen und sie in die Lage versetzen, aus den vorgezeichneten Träumen ihrer Eltern auszubrechen. 

Es war an einem schwülen Sommernachmittag in Ahmedabad. Ich kam gerade aus meinem auf 16 grad runtergekühlten Büro, stand eine Weile auf der Straße herum und versuchte, mich an die “Realität” zu gewöhnen. Da beobachtete ich einen 12-jährigen Jungen, der barfuß über die geteerte Straße lief und Bücher verkaufte. Ich hatte Mitleid und bot ihm etwas Geld an. Aber er sagte: “Ich bettle nicht. Du kannst ein Märchenbuch kaufen.”Das beeindruckte mich. Wie alle anderen hatte auch ich angenommen, dass alle Straßenkinder selbstverständlich betteln würden. Aber dieser Junge, der Irfan hieß, bewies mir das Gegenteil. Der kleine Kerl sah glücklich aus, und bei einem weiteren Gespräch konnte ich nachvollziehen, dass er, anders als ich, die Freiheit hatte, für sich selbst Entscheidungen zu treffen. Während ich mich leer und ausgelaugt fühlte, konnte ich die Neugierde in seinen Augen leuchten sehen.

Mir wurde klar, dass ich in einer Komfortzone dahinvegetierte. Und das brachte mich langsam um.

Ich beschloss, die Kontrolle über mein Leben endlich selbst in die Hand zu nehmen.

Nun, es war keine leichte Entscheidung, meinen gut bezahlten Job aufzugeben.

Dies ist die Geschichte eines durchschnittlichen indischen Jugendlichen, der in seinen Ängsten gefangen ist, belastet von den Erwartungen der Eltern. Und ich kann klar behaupten, ich bin nicht allein.

Laut der UN-World Population-Prospects, 2019, hat Indien die höchste Anzahl von Jugendlichen in der Welt. Oh ja! Indien ist eine junge Nation, voller Energie und bereit für das Leben mit all seinen Hindernissen. Aber stimmt das wirklich? Wir sind lediglich gut genug, um zwei einzelne Goldmedaillen in der gesamten Geschichte der Olympischen Spiele zu sichern, aber wir können weder weltberückende Erfindungen, weder berühmte Rockbands noch einflussreiche Philosophen für uns verbuchen. Der Mangel an Innovationen steht im krassen Gegensatz zu der Tatsache, dass unser Bildungssystem jedes Jahr 1,5 Millionen Absolventen technischer Schulen hervorbringt!

Was immer die Welt über Indien weiß und schätzt, sind unsere alten Erfindungen. Werfen wir doch mal einen Blick auf eine der vielleicht einflussreichsten: die Null!

Aber leider ist die Null bereits 1600 Jahre alt! Kein Grund, sich noch immer daran zu begeistern.

Nun, wir sind auch dafür bekannt, dass wir den weltweit gepriesenen, illustrierten Text über die verrücktesten sexuellen Praktiken geschaffen haben. Es handelt sich dabei um den 2000 Jahre alten Kamasutra!

Und natürlich nicht zu vergessen: Yoga! Auch wenn die Welt glaubt, es sei eine amerikanische Erfindung, nein, das ist es nicht. Aber es ist genauso alt wie alles andere, wofür wir berühmt sind.

Ja, Indien ist dafür bekannt, eine der ältesten Zivilisationen der Welt zu sein. Und das alte Indien galt als eines der Epizentren der Künste, der Philosophie, der Musik, der Astronomie, der alternativen Medizin und der spirituellen Erleuchtung.

Selbst in der nahen Vergangenheit gab es große Freidenker und Philosophen wie Swami Vivekananda, den Nobelpreisträger Rabindranath Tagore und Rani Laxmi Bai, eine führende Figur des Widerstands und ein Symbol des Mutes, die gegen die britische Herrschaft in Indien kämpfte. In der postkolonialen Zeit ist es Indien jedoch nicht gelungen, eine inspirierende Ikone zu “produzieren”, an der sich die jüngeren Generationen orientieren könnten.

Jedes Jahr machen durchschnittlich 1,5 Millionen Studenten einen Universitätsabschluss, was im Vergleich zu westlichen Ländern sehr viel höher ist. Dennoch hinken wir bezüglich der neuen Ideen, besonders in den Naturwissenschaften, Technologien, in der Kunst und in der Philosophie kräftig hinterher.

Wir müssen uns die Frage stellen: Warum?!

Die indische Kultur ist als konservativ bekannt. Das bedeutet, dass sie sich im Allgemeinen an traditionelle Werte klammert und Veränderungen eher scheut.

Unsere Erziehung spielt in Verbindung mit dem Bildungssystem dabei eine große Rolle. Wir sind einfach nicht darauf vorbereitet, über unseren Tellerrand hinauszublicken.

Wir alle sind von Geburt an neugierig. Aber das System, mit dem unsere Kinder erzogen werden, tötet diese Neugier ab. Unsere “Träume” werden mit den gesellschaftlichen Normen in Einklang gebracht.

In Indien werden Kinder überbehütet und so daran gehindert, eine freie und abenteuerliche Kindheit zu erleben. Junge Menschen werden sowohl in der Schule als auch zu Hause nicht ermutigt, Fragen zu stellen, eine Meinung zu haben oder über die Zäune der angeblichen Gewissheit hinauszuklettern. Jeder, der ausbricht, wird als “Rebell” gebrandmarkt.

Viele Traditionen unserer Gesellschaft sind für diejenigen, die aus offeneren Kulturen kommen, sehr überraschend: So staunt man nicht schlecht, wenn man erklärt, das Die Familie entscheidet, mit wem ihre Kinder spielen, was sie studieren, wen sie heiraten, wann sie Kinder bekommen, wie viele, und wenn möglich, zuerst einen Jungen, und so weiter.

Da die meisten Söhne ihr ganzes Leben lang bei ihren Eltern wohnen, bleibt diese Abhängigkeit von Entscheidungen der Eltern bis ins hohe Alter bestehen. Dies führt dazu, dass wir schnell gelernt haben, unsere Leidenschaften und Berufsträume an den Nagel zu hängen. Erwartungen der Eltern führen auch dazu, dass die Jugendlichen Angst vor dem Scheitern haben und sich nicht trauen, Risiken einzugehen oder etwas Unkonventionelles zu versuchen.

Der immense Erwartungsdruck ist für viele junge Menschen in Indien der Hauptgrund, einen Selbstmord zu begehen. Nach den neuesten Daten des National Crime Records Bureau begingen im Jahr 2019 mehr als 139.000 Inder Selbstmord, 67 Prozent davon waren junge Erwachsene.

Unser Bildungssystem ist vollkommen veraltet und folgt immer noch den alten theoretischen Unterrichtsmethoden, bei denen die Schüler für die Beantwortung von Fragen aus dem Lehrbuch belohnt werden. Kreatives oder erfahrungsorientiertes Lernen wird nicht gefördert. Stattdessen werden Lehrer wie auch Schüler gezwungen, sich an einen bestimmten Lehrplan zu halten. Das Leben eines Heranwachsenden wird darauf reduziert, von einem Lebensabschnitt zum nächsten zu eilen und die von den Eltern gesetzten Erwartungen zu erfüllen: einen Schulabschluss mit guten Noten, gefolgt von einem sicheren staatlichen Arbeitsplatz und der Gründung einer eigenen Familie – alles Indikatoren für ‘Erfolg’.

Es gibt Millionen von Jugendlichen, die in beengten Wohnblocks leben, die aus ihren Dörfern in Städte wie Delhi, Kota, Jaipur, Bangalore, Lucknow und viele andere gezogen sind und sich auf staatliche und andere Prüfungen vorbereiten, um die Träume ihrer Eltern zu erfüllen. Auf den Schultern der Jugendlichen lastet ein enormes Gewicht von Erwartungen, und wenn sie diese nicht erfüllen können, schämen sie sich. Im schlimmsten Fall bringen sich manche durch Selbstmord um.

Ich bin einer dieser indischen Jugendlichen, die vergessen haben, dass sie träumen können, und es hat mich viel Mut gekostet, mir einzugestehen, dass ich aus meinem Erwartungskäfig ausbrechen musste.

Aber schauen wir uns doch einmal die Situation der indischen Kinder und Jugendlichen an, die außerhalb der Konventionen aufwachsen, die nicht Teil des kulturellen Mainstreams sind – Kinder und Jugendliche, die an den Rand der Gesellschaft gedrängt werden und deshalb von allen Konventionen befreit sind. Sie werden oft belächelt, sind aber frei von familiären Erwartungen und können daher wichtige Entscheidungen selbst treffen. Von klein auf lernen sie, in einem sich ständig verändernden Umfeld zu überleben, sich an neue Herausforderungen anzupassen und Lösungen für ihre Probleme zu finden. So erwerben sie durch ihre Erfahrungen Lebenskompetenzen, die vielen von uns aus privilegierteren Verhältnissen fehlen. Die Frage ist: Was können wir von diesen Überlebenden lernen?

Um das herauszufinden, biete ich “die große indische Schatzsuche” an, ein achtmonatiges Programm für indische Jugendliche, um mehr über sich selbst und ihre Interessen zu lernen, zu verlernen und neu zu lernen. Es ist eine Begegnung mit der Welt des sozialen Wandels, mit Umweltlösungen und mit Teamerfahrungen.

Teams mit unterschiedlichem Hintergrund werden ihr Indien und damit sich selbst erkunden. Ich werde sie mit Menschen zusammenbringen, die den sozialen Wandel vorantreiben, mit Nomaden, Künstlern, mit Menschen, die ihre Träume leben und nicht versuchen, die zerbrochenen Träume ihrer Eltern zu reparieren.

Abhilash wird seine Geschichte und seine Projektidee für einen sozialen Wandel in Indien während der kanthari TALKS öffentlich machen. Weitere Einzelheiten zu dieser Veranstaltung, die live gestreamt wird, finden Sie auf http://www.kantharitalks.org/

Radio espero – Gewaltlosigkeit, Gerechtigkeit, Geschlechtergleichstellung in Guinea

Josephe Christophe Kone ist gebürtig aus Liberia, West Afrika. Im Alter von sieben Jahren erlebte Joseph, wie Rebellen die Stadt Gbarnga in Liberia einnahmen. Seine Mutter floh mit ihm und seiner Schwester in ein Dorf, doch da waren sie auch nicht sicher. Er wurde Zeuge von Gräueltaten der Rebellen an Frauen und Mädchen. Die kleine Familie suchte bis zum Waffenstillstand Zuflucht in einer nahen gelegenen Höhle. Als sich das Leben langsam wieder normalisierte, entdeckte er seine Leidenschaft für das Radio. Dies war der Beginn seiner Reise als Radiomoderator, eine Reise zur Überwindung der Ungerechtigkeit gegenüber Frauen, eine Reise der Hoffnung, espero.

Ich war sieben Jahre alt, als die Stadt Gbarnga in Liberia in die Hände der Rebellen der United Liberation Movement of Liberia for Democracy (ULIMO) fiel. An diesem Morgen hörten wir Schüsse; alle rannten in alle Richtungen. Meine Mutter schaffte es, meine Schwester und mich in unser Heimatdorf zu bringen. Eine Nacht lang konnten wir ruhig schlafen.

Am Nachmittag des nächsten Tages hörten wir erneut Schüsse, diesmal waren sie näher als zu vor und die Zahl der Schießenden schien sich vergrößert zu haben. Wieder brach Panik aus, und wir begannen zu rennen. Aber die Rebellen hatten das Dorf inzwischen umzingelt. Wir suchten alle Zuflucht in unseren Häusern. Einer nach dem anderen wurden wir auf den Dorfplatz geschleppt. Die Kinder, die älteren Frauen und die Männer mussten sich in einem Kreis auf den Boden setzen. Die Rebellen zwangen uns dann, dabei zuzusehen, wie sie junge Frauen brutal vergewaltigten, viele von ihnen unsere engsten Verwandten.
Als die Rebellen abzogen, ließen sie eine zutiefst traumatisierte Gemeinschaft zurück. Nicht viel später wurde das Dorf von einer anderen Rebellengruppe geschützt, aber das Vertrauen war dahin.

Wir befürchteten, dass die brutalen ULIMO-Rebellen zurückkehren würden, also brachten uns unsere Mütter zu einem Bauernhof etwas außerhalb des Dorfes, wo wir in einer Höhle Zuflucht fanden. Wir Kinder wurden zusammen mit den Älteren in der Höhle zurückgelassen, während unsere Mütter und Schwestern sich auf die Suche nach Nahrung machten. Von diesem Moment an wusste ich, dass Frauen stark und widerstandsfähig sind.

Als ein Waffenstillstand verkündet wurde und wieder Normalität einkehrte, gingen wir zurück in die Stadt und wurden eingeschult. Doch der Waffenstillstand war instabil, und von Zeit zu Zeit mussten wir aus der Stadt fliehen, die Situation in unserem Dorf abwarten und dann zurückkehren.

Nach dem Ende des Bürgerkriegs kehrte das Land langsam zur Normalität zurück. Ich erinnere mich noch gerne an ein Ereignis in den Weihnachtsferien. Die Jugendlichen meines Dorfes organisierten ein Fußballturnier. Am ersten Weihnachtstag spielte unser Club gegen den Verein des Nachbardorfes. Dabei fiel mir das Mikrofon, das für die Durchsagen verwendet wurde, ins Auge. Kurzerhand nahm ich es und begann, das Spiel zu kommentieren. Die Menge begann zu jubeln. Danach kamen viele, um mich zu ermutigen, weiterzumachen. Ich erinnerte sie tatsächlich an professionelle Radioreporter und Fußballkommentatoren. Ich bekam sogar für meine weiteren Auftritte ein wenig Geld. Da war dieser ehrwürdige Herr, Garkpon, der mich seit diesem Tag nie wieder bei meinem Namen nannte. Er bezeichnete mich fortan mit: “mein Journalist”. An diesem Tag wurde mir das erste Mal bewusst, dass ich etwas bewegen konnte. Ich fühlte mich nützlich, und ich war mir sicher, dass ich einen Platz in der Gesellschaft haben würde.

Was aber mein Leben besonders beeinflusst hat, ist ein Widerspruch in der Gesellschaft. Frauen sind die starken, die Mutigen, aber sie werden unterdrückt.

Meine größte Bewunderung gilt meiner Mutter und meiner Schwester. Sie haben mich großgezogen und immer dafür gesorgt, dass ich nicht gewalttätig werde und mich den Rebellen anschließe. Wären sie nicht gewesen, wäre ich heute entweder in einem Gefängnis oder sogar getötet worden.

Die Stärke der beiden hat mich dazu gebracht, für Frauen einzutreten.
Für mich gibt es daher keine andere Wahl als mein Leben der Armutsbekämpfung zu widmen. Alles, was ich tue, wird im Namen der Gewaltlosigkeit und für Gleichberechtigung geschehen.

Mein Beitrag dazu sollte über das Medium erfolgen, das ich am besten kannte: das Radio. Ich gründete einen Radiosender in Liberia, der durch seine Programme lokale Popularität erlangte. Wir machten hauptsächlich Beiträge, die sich mit der Frauenfrage, mit Ungerechtigkeit in der Gesellschaft und mit Gleichstellung auseinandersetzten. Aber ich wurde von meinem Partner (unserem Bezirksvertreter in der nationalen Legislative) betrogen. Er übernahm den Sender als Vorsitzender des Kuratoriums. Er suspendierte mich auf unbestimmte Zeit aus irgendwelchen vagen “administrativen” Gründen. Später wurde mir klar, dass er mich wegen meiner Popularität als Hindernis für seine politische Position ansah.

Aus Frustration beschloss ich, Liberia zu verlassen und die lange und gefährliche Reise nach Europa anzutreten. Doch schon im Nachbarland Guinea blieb ich hängen. Ich lernte eine andere starke Frau kennen, die in mir das Feuer entfachte, für die Frauen in West Afrika einzutreten und meinen Traum einer gerechteren Gesellschaft nicht aufzugeben. Ob in Liberia oder Guinea, Frauen leiden überall.

Ich möchte in einer Gemeinschaft leben, in der Frauen nicht zu einer frühen Heirat gezwungen, sexuell ausgebeutet oder körperlich missbraucht werden, sondern in der ihre Fähigkeiten und Ambitionen gefördert werden; eine Gemeinschaft, in der jeder die Möglichkeit hat, seinen Weg zu gehen. Und das Radio wird mein Werkzeug sein.
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Joseph wird seine Geschichte und seine Projektideen für einen sozialen Wandel in West Afrika während der kanthari TALKS öffentlich machen. Weitere Einzelheiten zu dieser Veranstaltung, die live gestreamt wird, finden Sie auf http://www.kantharitalks.org/

Anantmool India

Niwas Kumar stammt aus Bihar im Norden Indiens und befasst sich mit einem ziemlich heiklen Thema: es geht um die Frage, “brauchen wir Geschlechter-Normen?”

Die indische Kultur ist durchsetzt von Normen, die entweder dem einen oder dem anderen Geschlecht zugeordnet sind.

Von frühester Kindheit an ist jeder Aspekt täglicher Aktivitäten klar auf Mädchen oder Jungen, Männer oder Frauen zugeschnitten.

Es hängt vom Geschlecht ab, mit wem man spielen darf, wo man im Bus oder in der Kantine zu sitzen hat und welche Berufe man ausüben soll. Kinder werden in der Schule diskriminiert, wenn sie nicht den Normen entsprechen. Niwas fragt sich, warum das Geschlecht schon in der Kindheit und in der Schule so wichtig ist.

Mit seiner Organisation Anantmool will er ein Lernzentrum gründen, das bewusst keine Unterschiede in den Geschlechtern zulässt. Er ist davon überzeugt, dass jeder alles lernen kann, wenn es keine sozialen und besonders keine geschlechterspezifischen Barrieren gibt.

Im Alter von vier Jahren, wenn Kinder normalerweise mit Puppen oder Autos spielen, zum Kindergarten gehen und von ihren Familien verwöhnt werden, nahm ich mit meiner Mutter an einer Schulung für Kleinstunternehmen teil. In meinem Dorf hatten wir eine Schule mit nur einer Lehrerin, die dort kaum zu sehen war. Ich war auch kaum zu sehen, denn während meiner Grundschulzeit verbrachte ich meine Zeit mit meiner Mutter auf Reisen.

Wir zogen von Dorf zu Dorf und von Stadt zu Stadt, alles, um für mich eine gute Ausbildung zu finden, aber wir hatten keinen Erfolg.

Meine Mutter ist Aktivistin, die gegen Korruption kämpft. Daher wurde meine Familie bedroht, und meine Eltern verloren ihre Arbeit. Das war dann auch das Ende für meine Schullaufbahn, denn ich musste ja arbeiten, um unseren Unterhalt zu decken. Damals war ich gerade 12 Jahre alt.

In dieser Zeit lernte ich jemanden kennen, der mir helfen wollte, ein Geschäft aufzuziehen. Aber ich wollte lieber erst einmal etwas lernen. Unter seiner Anleitung schloss ich mich einer Organisation namens i-Saksham an, wo ich 18 Stunden am Tag arbeiten musste. Allerdings konnte ich mir da alle Fähigkeiten, die ich brauchte, ein Unternehmen zu leiten, aneignen. Nebenher machte ich meinen Bachelor-Abschluss an einer Universität.

Um mehr praktische Erfahrungen zu machen, nahm ich an der Jagriti Yatra (der längsten Zugreise der Welt für junge Sinnsucher) teil und bekam später die Gelegenheit, bei der Organisation “Project Potential” Unternehmer aus ländlichen Regionen auszubilden.

Im Alter von 17 bis 21 Jahren hatte ich die Möglichkeit, 150 Trainer und 200 Schüler im Computerbereich auszubilden. 23 Unternehmern konnte ich helfen, selbstständig zu werden. Während dieser Zeit entwickelte ich großes Interesse für offene Lernformen und für alternative Schul-konzepte.

Im Jahr 2019, während meines Masterstudiums, setzte ich mich mehr und mehr mit Themen der Geschlechter Ungerechtigkeit auseinander.

Damals begegnete ich auf einer Zugfahrt einer Transfrau, die in schwarzen Jeans und einem T-Shirt ziemlich schick aussah, aber um Geld bettelte. Ich hielt sie an und fragte: “Warum bettelst du? Warum hast du keinen normalen Job?” Sie blaffte: “Wer will mir denn schon einen Job geben? Du vielleicht?”

Ich konnte dazu nichts entgegnen, aber sie blieb dran: “Was machst du denn überhaupt?”

Ich erzählte, ich sei für Forschungsarbeiten nach Uttarakhand unterwegs.

“Okay,” meinte sie flapsig. “Warum forschst du dann nicht mal über mich?” Und dann wurde sie richtig gesprächig: “Finde doch mal heraus, warum mich Gott so gemacht hat. Und wenn Gott sich dabei etwas gedacht hat, warum akzeptieren mich die Leute nicht so wie ich bin?”  Damit ließ sie mich allein zurück und mir hatte es für eine Zeit lang die Sprache verschlagen.  Ich wusste nicht, was ich sagen sollte.

Aber etwas veränderte sich in mir und ich erinnerte mich an eine Begebenheit aus meiner Kindheit, als ich 7 Jahre alt war. Meine Mutter hatte mir im Zug die Augen geschlossen, als eine Transfrau vorbeikam. Meine Mutter sagte, dass diese Frau keine Frau sei, dass sie einen Saree trage, nur um Geld zu betteln.

Ich begann, mich mit dem Thema Transgender zu beschäftigen und fand heraus, dass die Transgender-Gemeinschaft, die am stärksten von geschlechtsspezifischer Diskriminierung betroffene Randgruppe in Indien ist. Es handelt sich um eine der am meisten vernachlässigten Gemeinschaften, die kaum Zugang zu öffentlichen Diensten hat.

Damals gründete ich eine Gruppe von fünf Studenten und begann, Ausstellungen zu organisieren, um die Menschen auf die Geschlechtervielfalt aufmerksam zu machen.

Eines Tages erhielt eines unserer Gruppenmitglieder einen Anruf von einem 17-jährigen Trans-Mädchen aus Delhi. Sie erzählte, wie ihre Familie sie wegen der Transidentität bedrohe. Es war ein Hilferuf und wir waren bereit, sie da rauszuholen. Alles war geplant. Doch an dem Tag, an dem es passieren sollte, sie war schon früh morgens ausgebrochen, ging nach wenigen Minuten die Nachricht ein, sie sei von ihrer Familie erwischt worden. Dann brach der Kontakt abrupt ab und seit Dezember 2019 war sie verschwunden.

Das war ein wichtiger Wendepunkt in meinem Leben. Ich beschloss, keine andere Arbeit mehr zu machen, sondern mich darauf zu konzentrieren, einen Raum zu schaffen, in dem Kinder und Jugendliche frei von jeglichen Geschlechternormen leben können. Nachdem ich mehr gelesen und mit vielen Trans-Personen gesprochen hatte, wurde mir klar, dass wir Bildung in einem geschlechtsfreien Raum anbieten müssen, damit diejenigen, die unter Geschlechtsdysphorie leiden, in die Lage versetzt werden, sich selbst in die Gesellschaft zu integrieren.

Niwas wird seinen kanthari TALK am Freitag, den 17. Dezember 2021 um 17:10 Indian Standard Time präsentieren. (13:40 EST)
Weitere Informationen über die kanthari TALKS finden Sie unter http://www.kantharitalks.org/