Der Albtraum, kein Wasser zu haben

Itohan Iyawe
2023 kanthari Teilnehmerin aus Nigeria

In Itohan’s Kindheit, die sie in einer Kleinstadt in Nigeria verbrachte, ging alles um die Angst, eines Tages kein Wasser mehr zu haben. Wasser hatte Einfluss auf die allgemeine Gesundheit. Wer kein Wasser hatte, konnte nicht zur Schule gehen. Später arbeitete sie für eine Organisation namens Springboard, gegründet von einem kanthari Absolventen aus dem Jahr 2012. Er bildet Jugendliche im organischen Landbau aus. Dort lernte sie die Angst vor dem Wassermangel unter den Landwirten aus erster Hand kennen. Daraus entstand ihre Initiative “Omitide” (Wasser ist gekommen), ein Programm, in dem Kleinbauern in Wasser-Management für eine wasserarme Zukunft vorbereitet werden. 

Die Angst vor Wassermangel

Anfang der neunziger Jahre wurde ich eingeschult. Ich erinnere mich, dass wir damals noch in einer Mietwohnung im Bundesstaat Ogun, im Südwesten Nigerias lebten. Unsere Stadt heißt Abeokuta, was “Unter dem Felsen” bedeutet. Der Name weist schon darauf hin, dass alles hier auf Felsformationen gebaut wurde. Die Straßen machten diesem Namen alle Ehre, denn sie waren äußerst holprig und kaum für Fahrzeuge zu gebrauchen. Meine Familie hatte das Privileg, an die staatliche Wasserversorgung angeschlossen zu sein. Das Wasser, das durch einen Metallhahn in unseren Hof floss, war trinkbar und wurde monatlich abgerechnet. Täglich standen viele Frauen und Kinder um unseren Wasserhahn Schlange. Manchmal stritten sie sogar um Wasserbehälter. Für alle Fälle gab es ein Wasserbecken, in dem das überflüssige Wasser aufbewahrt wurde. Immer wenn ich von der Schule nach Hause kam, freute ich mich schon auf das kühle Geplantsche. Wir Kinder füllten große Schüsseln mit Wasser und badeten unter der heißen Sonne, nicht ahnend, dass wir uns so etwas bald nicht mehr leisten konnten. 

Frühe Erfahrungen mit Wasserarmut

Denn eines Tages, brach die Wasserversorgung plötzlich ohne Vorankündigung ab. Man nannte uns auch keinen Grund. Da der Boden so felsig war, konnten wir uns nicht mit dem Graben eines Brunnens selbst behelfen. Stattdessen mussten wir nun bei jedem Regenguss mit Eimern und Schüsseln nach draußen laufen, um den jetzt kostbaren Schatz aufzufangen. Und wieder stritt man sich, jetzt aber um jeden Tropfen. Die wenigen, die einen Brunnen besaßen, mussten ihn vor den Nachbarn verschließen. In der Trockenzeit waren die Wasserstände in den Brunnen so niedrig, dass es verschlammte. Dann mussten wir Alaun hinzufügen, eine chemische Verbindung, die den Schmutz am Boden absetzte. Manchmal wurden wir richtig krank, fast jeder hatte Durchfall.

Bildung und Wasser: Eine schwierige Balance

Oft wurden wir um fünf Uhr morgens aus dem Bett geholt, um mit Eimern noch vor der Schule irgendwo Wasser zu suchen. Und nach der Schule ging es wieder los. Alles drehte sich um Wasser und uns wurden die Arme lahm, denn wir mussten volle Eimer auf dem Kopf über mehrere Kilometer tragen. Das ganze war eine recht gefährliche Angelegenheit. Denn beim überqueren der Schnellstraßen konnten wir leicht mit unseren schweren Ladungen von Lastwagen überfahren werden. Täglich Wasser holen zu müssen, war stressig und frustrierend. Aber als mir klar wurde, dass es keine andere Lösung gab, wurde diese Routine ein Teil meines Lebens. Allerdings beeinflusste sie meine schulischen Leistungen negativ, so dass ich nicht die Mindestnoten erreichte, um mich an der Universität einzuschreiben.

Wasserzugang in verschiedenen Wohnorten

Zwischen 2008 und 2015 zog ich viermal um, und in jeder Wohnung hatte ich mit denselben Schwierigkeiten beim Zugang zu Wasser zu kämpfen. Die Nachbarn stritten oft darüber, dass andere das Wasser benutzten, für das sie sich große Mühe gegeben hatten, es zu beschaffen. Ich erkannte jetzt, dass Wasserknappheit nicht nur auf Abeokuta oder den Bundesstaat Ondo beschränkt war, sondern sich weit über Nigeria erstreckte. Später hatte ich das Glück, ein Haus zu finden, das tatsächlich über einen eigenen Brunnen verfügte, der zusätzlich von einem überirdischen Wassertank gespeist wurde. Allerdings konnte das Wasser, das wir erhielten, nur für Haushaltszwecke verwendet werden. Trinkwasser musste ich immer noch teuer in Plastikflaschen kaufen.

Neue Perspektiven durch die Begegnung mit Springboard

Im Jahr 2018 lernte ich den kanthari Absolventen Lawrence kennen. Er ist Gründer von Springboard, einer Organisation, die Jugendliche mit der organischen Landwirtschaft vertraut macht. Hier arbeitete ich also mit Kleinbauern und bekam einen Einblick, wie Wasserknappheit die Landwirtschaft in große Gefahr bringt. Trotz meiner Kindheitserfahrungen mit Wasserknappheit, habe ich es geschafft, mein Leben so gut es eben ging, in die Hand zu nehmen. Aber viele meiner Freunde, besonders in ländlichen Gegenden konnten das nicht. Sie stehen vor großen Herausforderungen und müssen oft den geliebten Beruf des Landwirts aufgeben. Und dennoch gibt es in den Dörfern wenig Umdenken. Es macht mich traurig zu sehen, wie Wasser, diese kostbare Ressource sorglos verschwendet wird. Wie man bedenkenlos Wasser aus allen vorhandenen Brunnen pumpt und keine Vorsorge dafür trägt, Regenwasser aufzufangen und für Trinkwasser aufzubereiten.

Die Gründung von 'Omitide': Ein Schritt in Richtung Veränderung

Zugang zu sauberem Wasser ist ein Menschenrecht! Und genau darum gründete ich meine Organisation “OMITIDE”. “Omitide” bedeutet (Wasser ist gekommen). Ein Aufruf für alle Landwirte sorgfältiger mit Wasser zu haushalten. In Workshops werde ich Bauern ins Wasser-Management einführen und wir werden gemeinsam Wasserauffangbecken installieren. So werden wir gemeinsam einen verantwortlichen Umgang mit dem wertvollen Nass lernen.

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