Tag 12 – Im Schutz der Familie?

Ich habe mit einigen unserer kantharis darüber gesprochen, was für eine Auswirkung die weltweit verhängte Ausganssperre auf die Familie haben könnte.

Ruang aus Thailand, 2018 kanthari Absolventin sagt: „Familie und Zuhause bekommt in Zeiten der Ausgangssperre eine ganz neue Bedeutung. Das Heim kann zum Gefängnis werden und jeder ist dem anderen ausgeliefert oder jeder wird des anderen Wächter.“

Sie erzählt wie Kinder ganz besonders unter dieser Ausnahmesituation leiden können. Ruang, Gründerin von Hinghoy Noy (das heißt übersetzt, kleines Glühwürmchen) unterhält eine Webseite  und eine Facebook page. 

Ihr großes Thema ist das Tabu. Sie Schreibt: Thailand ist das Land des Lächelns und trotzdem gibt es eine überaus hohe Anzahl an Menschen mit Depressionen, das fängt schon im Kindesalter an.

Man wächst auf mit Tabus und wird durch Tabus kontrolliert, zunächst von den Eltern, später von Lehrern, im erwachsenen Alter schließlich vom Boss oder sogar von den Behörden.

Tabus sind dazu da, Themen, die eventuell den Statusquo herausfordern könnten, im Dunkeln zu belassen.
Bei vielen Tabus geht es in Thailand um soziale Hierarchien, um Sterben und Tod, Sexualität, Behinderung, Scheidung, um Menstruation und besonders auch um häusliche Gewalt. All das gehört zu den Themen, die man aus einer täglichen Unterhaltung gerne heraushält.

Ruang möchte zum Wohl der Kinder die Tabus durch das Hing Hoy Noy Glühwürmchen beleuchten.
Um einen Tabu freien Dialog zwischen Kindern, Eltern und Lehrern zu fördern, unterhält sie auf ihrer Webseite, selbst entwickelte Spiele, Geschichten und Musik Videos und sie bietet auch anonyme Chatrooms an, in denen Kinder um Hilfe rufen können.

In den letzten Wochen, in denen man durch Corona sozial eher eingeschänkt lebt, bekommt sie von Kindern viele Hinweise zur häuslichen Gewalt.

„Es ist sehr verstörend. Sie reden von Prügel und manchmal gibt es Hinweise auf Schlimmeres.“
Wenn Ruang nachfragt, ist sie erstaunt, dass manche Kinder auch gleich klare Begründungen mitgeben. „Die Eltern haben Angst um ihren Job. Sie sind gestresst und lassen es an den Kindern aus.“

Ich war erschüttert und wollte mehr erfahren.

So telefonierte ich mit Jyotshna, 2013 kanthari Absolventin und Gründerin von Janamangal. Jyotshna arbeitet in Odissa mit Frauen, die täglich häusliche Gewalt Erfahren.

Sie selbst war Opfer. Ihr Mann verprügelte sie regelmäßig krankenhausreif. Irgendwann hatte sie genug. Sie nahm ihre 2 kleinen Kinder, brachte sie zu einem verwandten, und lief, bis sie an einen Brunnen kam. Der Brunnen war 30 Meter tief, und als sie sich unbeobachtet glaubte, sprang sie.

An den Fall kann sie sich nicht mehr erinnern. Aber daran, dass sie wieder auf der Erde lag und in ein freundliches Gesicht starrte. Gouri Sankar Misra, er kam zwei Jahre später als Jyotshna ans kanthari Institut, hatte sie retten können. Der Brunnenboden war schlammig und hatte genug Wasser, um den Fall aufzufangen. Nachdem Gouri sie gesundgepflegt hatte, entstand für Jyotshna der Wunsch, selbst anderen Frauen zu helfen.

Ihre Organisation hat heute über 1500 Frauen durch Training stark gemacht.

Ich fragte Jyotshna, ob die Ausganssperre irgend eine Wirkung auf die Gewaltrate habe? Ihre Antwort war überraschend: „no sister, everything is better now! Men are Peaceful.“

„Und was hat sich verändert?

Während der Ausganssperre würde die Polizei regelmäßig durchs Dorf patrouillieren. niemand könne sich es leisten, da aufzufallen. Außerdem gäbe es zurzeit keinen Alkohol.

„We have peace now, the men are now even joking.“ Sie lacht laut. Für sie gibt es jetzt während der Ausgangssperre neben den üblichen Existenzschwierigkeiten auch klare Vorteile.