Eine mehrteilige Auseinandersetzung mit Befürwortern und Kritikern des Mikrofinanzwesens, Teil 5

«Wann immer ich auf ein Problem stoße, starte ich ein Business, um das Problem zu lösen.» – Muhammad Yunus, Gründer der Grameen-Bank und soziales Aushängeschild für alle, die meinen, dass Gutes tun und dabei noch reicher werden kein Widerspruch darstellen muss.

Und wie beim letzten Kapitel juckt es mir in den Fingern, das Zitat ein wenig umzuformulieren: Vielleicht so? «Wann immer ich ein Business starte, verursache ich neue Probleme, die gelöst werden müssen.»

Die Probleme, entstanden aus den Geschäftsideen des Herrn Dr. Yunus liegen auf der Hand:
– Krankmachende Selbstausbeutung,
– Überschuldung durch zu kurze Rückzahlfristen und überhöhte Zinssätze,
– noch größere Macht den Kredit-Haien, die gerne einspringen, um Schuldenlöcher zu stopfen,
– Bevormundung der Frauen, jetzt nicht nur durch ihren eigenen Ehemann, sondern auch durch die meist männlichen Mitarbeiter der MFI (Mikrofinanz-Institute) und und und…
Ich frage mich, gibt es Alternativen, die den Mikrofinanz-Opfern helfen, sich der Misere und der Steuerung und Kontrolle von oben zu entziehen?

Wie in einem früheren Blog-Post angekündigt, möchte ich in diesem letzten Blog zur Reihe Mikrokredite ein mögliches Alternativkonzept vorstellen. Es handelt sich um das Table-Banking, eine besondere Spielart, die von unten entwickelt wurde und die Mikrobänker und Investoren im Regen stehen läßt.

7. „Die Bank zu Tisch“ – Table-Banking
Man spricht in Investorenkreisen der Mikrofinanzindustrie vollmundig von BOP, (the bottom of the pyramid), und meint die wirtschaftliche Förderung der Ärmsten der Armen. Geht es den Ökonomen, den Mikrobänkern und anderen Investoren wirklich um die Bekämpfung der Armut, dann reicht ihre Vorstellungskraft vielleicht bis zur Notwendigkeit, Frauen zu fördern, aber keinen Schritt weiter.

Die eine Milliarde Menschen mit Behinderungen werden bei staatlichen Zuschüssen und bei Kreditvergaben sowohl von Banken als auch von Mikrofinanzinstituten in der Regel außen vor gelassen. Hat das Erfolgsrezept «Business» etwa doch seine Grenzen oder ist das fehlende Vertrauen in die Fähigkeiten der Behinderten auf mangelnde Phantasie zurückzuführen?

Im kanthari Institut sind wir hingegen von den Möglichkeiten derjenigen, die notgedrungen die Welt aus einer ganz anderen Perspektive sehen, überzeugt. Wir sehen Behinderung zwar als «Hindernis», ein Ziel auf konventionellen Wegen zu erreichen, aber wir haben auch immer wieder erfahren, dass genau in diesen «Hindernissen» ganz neue bahnbrechende Chancen stecken. Dabei geht es um Ideen, die nur aufgrund der Behinderung, aufgrund eines Mangels entstehen konnten.

Im Jahr 2014 reisten Paul und ich nach Kenia, um einige Projekte der kanthari Absolventen zu besuchen. In Kitale, einer kleinen Stadt im nördlichen Rift-Valley, im Schatten des 4300 meter hohen Mount Elgon, trafen wir auf Joseck Otongo. Joseck war bereits weit über 50, als er 2010 zu uns ans kanthari Institut kam. Er hatte sein Leben lang als Buchführer gearbeitet. Doch dann wurde er blind und verlor seinen Job. Gemeinsam mit anderen arbeitslosen Blinden versuchte er ein Unternehmen zu starten. Doch obwohl die MFI normalerweise den Selbsthilfegruppen Mikrokredite förmlich nachtragen, glaubte niemand an die Geschäftstüchtigkeit der blinden Unternehmer. Sowohl Banken, als auch MFI schalteten auf stur und bewilligten ihnen keine Kredite.

Joseck und sein Team gaben nicht auf. In einer Krisensitzung legten sie alles auf den Tisch, was sie hatten. Der eine hatte Hühner, der andere besaß ein kleines Maisfeld, der Dritte konnte backen und Joseck verfügte über Kenntnisse der Finanzbuchhaltung. Und jetzt konnte es losgehen: Ernten, Kochen, Backen, Verkaufen. Der Gewinn wurde wieder aufgetischt und neu investiert. Aus der Not geboren, entwickelten Joseck und seine blinden Freunde, wie gleichzeitig viele andere MFI-Geschädigte, eine würdevolle Alternative zum Mikrofinanz-Geschäft, eine Methode, die man heute allgemein als Table-Banking bezeichnet.

Erst nach vielen Jahren wurden die lokalen Mikrobanken auf Josecks Organisation Mbusie aufmerksam und nun offerierte man ihnen einen Kredit, aber den lehnten sie ab, denn sie wollten unabhängig sein. Eine Finanzspritze von 10000 Schilling, die nicht zurückbezahlt werden musste, wurde allerdings gerne angenommen.

Die Gruppenmitglieder die gemeinsam gestartet waren, sind nun fast alle freie Unternehmer und können ihre Familien ernähren. Für mich ist dies ein interessantes Beispiel, wie Business ohne Fremdeinwirkung, aber mit der entsprechenden Grundausstattung Leidenschaft, Durchaltevermögen, Idee und Kenntnisse, durchaus funktionieren kann.

Teh Francis, kanthari Absolvent von 2016, ist Pastor einer großen Gemeinde im kriegsgebeutelten Westen Kameruns. Er war einer der ersten, die Mikrokredite an Frauen verlieh. Für sein Engagement erlangte er nationale und internationale Bekanntheit. Aus der Sicht der Finanziers war seine Aktion ein großer Erfolg. Doch Teh spürte den Druck und die Selbstaufgabe der Frauen und suchte verzweifelt nach einer Alternative. Ich erzählte ihm von Joseck und seiner Tisch-Bank und er war begeistert. Gemeinsam entwickelten wir ein Business-Curriculum für Frauen, die zwar weder lesen noch schreiben gelernt hatten, aber dennoch Träume haben, die sie mit Talent, Leidenschaft und Eigeninitiative realisieren können. Für Teh und für die Frauen-Selbsthilfegruppen seiner Gemeinde hat sich seitdem einiges verändert:

Die Frauen werden nicht mehr den sog. Haftungs- oder Solidaritätsgruppen zugeordnet. Sie suchen sich ihre Business-Partnerinnen selbst. Auch die Art des Business wird ihnen nicht mehr vorgeschrieben. Zuvor legte man ihnen nah, sich gemeinsam im Palmöl-Geschäft zu engagieren. Doch Teh sah mittlerweile den Fokus auf Palmöl als ökologisch problematisch an und er fürchtete, dass man die Frauengruppen mit vermeintlich gewinnträchtigen Business-Konzepten in etwas hineindrängte, das nicht von ihnen selbst entwickelt wurde. Um einer eventuellen Bevormundung entgegenzuwirken, ist seine Organisation zunächst nur beratend tätig. Die Frauen werden in ihren eigenen Träumen bestärkt und lernen, wie Teh es selbst im kanthari Institut erfahren hat, nur die Methoden zur Umsetzung ihrer Ideen.

Eventuelle Zuschüsse spielen erst später eine Rolle, dann nämlich, wenn die Frauen eine gemeinsame Idee, die auch aus mehreren Geschäftsmodellen bestehen kann, auf den Tisch legen.

Wichtig für Teh ist, dass die Business-Idee zunächst mit eigenem Einsatz initiiert wird. Nur dann, so Teh, entwickelt sie sich organisch. Wie bei Joseck werden bereits verfügbare Ressourcen wie Lebensmittel, Tierprodukte, aber auch Utensilien, Kenntnisse und Arbeitskraft zu Tisch gebracht. Und erst wenn das kleine Geschäft die Startphase überwunden hat, wenn das Konzept ausgereift, getestet und die Unternehmerinnen noch mehr Feuer gefangen haben, kann die Gruppe bei Tehs‘ Organisation «Enkindle Cameroon» einen Zuschuss beantragen. Bei diesem Zuschuss geht es um keinen Kredit, der zurückbezahlt werden muss. Es gibt also keinen Druck von außen, was die Dynamik des gesamten Prozesses erheblich entlastet.

«Streit in den Gruppen kann natürlich in keinem Team ausgeschlossen werden. Aber der Einsatz bleibt in der Gruppe. Er wird gemeinsam verwendet, gemeinsam vermehrt oder auch gemeinsam in den Sand gesetzt.»

Wirtschaftliche Förderung der Armen bekommt bei diesen Beispielen einen ganz neuen Charakter. Es geht nicht mehr darum, Geld in einen Kreislauf zu bringen, um es in Kürze mit hohen Profiten wieder zu entziehen. Im Vordergrund steht hier, dass alle Beteiligten selbst entscheiden, wie man die zur Verfügung stehenden Mittel, ob Geld, Materialien, Wissen oder Arbeitskraft, entsprechend einsetzt. Der Einsatz bleibt im Besitz der Unternehmenden. Sie sind niemandem Rechenschaft schuldig außer sich selbst. Sobald also eine engagierte Gruppe für eine Geschäftsidee brennt, würde jedes begleitende Businesstraining auf fruchtbaren Boden fallen.

Und trotzdem halte ich es für naiv, vielleicht sogar für fahrlässig zu glauben, dass Business als eine Art Allheilmittel für jedes Problem in dieser Welt funktioniert.
Seit mehr als 30 Jahren wird die Geschäftsidee des Muhammad Yunus umgesetzt. Doch die Armut ist noch lange nicht aus der Welt. Was bleibt, ist ein kleines Gedankenspiel: Was wäre, wenn die hunderte Milliarden US$, die in das Geschäft mit der Armut gesteckt wurden, in qualitativ hochwertige Bildungs- und nachhaltige Umweltprojekte geflossen wären?

«Ein wirklich schöner Traum.» würde der Mikrobänker sagen. Dann würde er mir zulächeln und mir vielleicht dabei väterlich auf die Schulter klopfen: «Und wo bleibt mein Gewinn?»

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