Tag 42 – Corona machts möglich: Die Ängstlichen entspannen und die Starken drehen durch

Meghana während den kanthari Talks 2019

Von Meghana Raveendra, 2019 kanthari Absolventin und Gründerin von Moringa, einer Organisation, die sich um Angststörungen von Schülern kümmert

Mit über 45.000 Fällen landesweit und mit 6500 bestätigten Fällen ist Mumbai derzeit das Covid-Epizentrum von Indien. Ich wohne im neunten Stock eines 11-stöckigen Wohnhauses.

In den vergangenen 40 Tagen wurden wir in unseren vier Wänden „eingesperrt“, und man spürt, dass die Angst umgeht. Es ist eine unbestimmte Angst vor dem unvorhersehbaren Morgen, was wird zukünftig mit uns geschehen?

Nach Angaben der WHO, liegt die Sterblichkeitsrate bei Coronavirus-Fällen bei fast drei bis vier Prozent. Trotz dieser relativ niedrigen Rate nimmt die Angst vor dem Unbestimmten zu.

Die landesweite Ausgangssperre hat bei allen große Unsicherheit ausgelöst. Fragen über Fragen: wird die Volkswirtschaft sich nach der Krise erholen? Werden Angestellte ihre Arbeitsplätze behalten? Werden geschlossene Bildungseinrichtungen wieder geöffnet und wenn ja, wann? Auf wann werden die Prüfungen verschoben? Wie kann man Frauen und Kinder zu Hause vor gewalttätigen Übergriffen schützen? Es gibt bestimmt noch viele Themen, die sich erst mit der Zeit herauskristallisieren.

Die Angst vor dem Unbekannten scheint in Indien besonders hoch. Einer Studie zufolge, die von der Indischen Psychiatrischen Gesellschaft innerhalb einer Woche nach dem Lockdown durchgeführt wurde, hat diese Angst um mindestens 20% zugenommen. Und die Rate steigt weiter.

Ich leide seit meiner Kindheit an Angststörungen. Und da könnte man annehmen, das Menschen wie ich jetzt ganz besonders betroffen sind. Überraschenderweise bin ich es nicht… das heißt, ich bin nicht extrem ängstlich, nur ein wenig.

Für Menschen wie mich, die ihr ganzes Leben lang mit Angst zu tun hatten, ist eine solche Krise keine große Sache. Wir sind es gewohnt, Tag für Tag mit Unsicherheiten umzugehen. Meine Art von Angst hängt eher mit den Erwartungen, die die Gesellschaft an mich stellt, zusammen. Der Hohe Anspruch beeinträchtigt unser Selbstwertgefühl. Aber heute, da der größte Teil der Gesellschaft „eingesperrt“ ist, scheint es keine Erwartungen mehr zu geben. Jeder ist mit sich selbst beschäftigt. Viele Menschen, die gewöhnlich über uns, die „Ängstlichen“ urteilen, erfahren jetzt selbst wie es ist, in ständiger Unsicherheit zu leben. Und das nimmt uns enormen Druck.

Was mir hilft? Ich sorge mich heute nicht mehr um mich selbst, sondern um diejenigen, die lernen müssen, mit Angstzuständen umzugehen. Und ich kümmere mich um diejenigen, die sich tatsächlich in Not-Situationen befinden. Sie brauchen Nahrungsmittel, Unterkunft, medizinische Fürsorge und generell finanzielle Mittel.

Ich habe meine eigentliche Arbeit, die Organisation Moringa ans Laufen zu bringen, erstmal vorübergehend auf Eis gelegt, damit ich mich auf die Unterstützung von Menschen in Not konzentrieren kann.

Ich arbeite jetzt ehrenamtlich bei BHUMI, (Indiens größte Organisation für Freiwillige) da haben wir eine HelpLine für Menschen eingerichtet, die aufgrund der landesweiten Ausgangssperre vor Großen existentiellen Herausforderungen stehen. Unsere Helpline erhält fast 400 Anrufe aus 25 Staaten pro Tag. Wir verbinden diejenigen, die irgendeine Art von grundlegender Unterstützung benötigen mit möglichen Helfern und Sponsoren.

Die Arbeit mit dieser HelpLine hat mir geholfen, wirkliche Not von eingebildeter Gefahr unterscheiden zu können. Es ist klar, wer in der Gesellschaft wirklich betroffen ist, wer wird ausgegrenzt, und wie kann eine Hilfsmaßnahme einer bestimmten Zielgruppe gerecht werden.

80% der Anrufe, die wir erhalten, kommen von Familien und Einzelpersonen, die Schwierigkeiten haben, grundlegende Lebensmittel zu bekommen. Stellen Sie sich mal vor, Sie wären darauf angewiesen, Unbekannte um Nahrungsmittel zu bitten. Das ist wirklich beängstigend.

Der Beginn der Ausgangssperre machte mich unsicher, wie es jetzt mit meiner Organisation Moringa weitergehen sollte. Aber wenn ich das ganze aus einer anderen Perspektive betrachte, hat mich die Krise für die vielen Unsicherheiten anderer Menschen sensibilisiert.

Heute ist meine Angst zu einer Stärke geworden. Meine langjährigen Erfahrungen und Bewältigungsstrategien kann ich nun im Umgang mit den Starken, die jetzt durchzudrehen scheinen, gut nutzen.

Während des kanthari-Kurses machte mich Sabriye Tenberken, die Mitbegründerin von kanthari, darauf aufmerksam, dass ich die positiven Eigenschaften der Angst auch zu meinem Vorteil nutzen könne. Angst bedeutet auch wachsam zu sein, voller Energie und Adrenalin. Das war für mich zunächst einmal schwer zu verstehen. Aber vor einigen Tagen fiel mir ihr Ratschlag wieder ein: Die Mutter einer Familie, die ein Stockwerk über uns wohnt, wurde positiv auf Covid-19 getestet. Und ich habe keine Angst, aber ich bin darauf bedacht, nichts zu tun, was mich oder meiner Familie gefährlich werden könnte.

Während der Telefonate mit Hilfesuchenden konnte ich über diese Erkenntnisse sprechen.

Wir werden überwältigt. Wir geraten in Panik. Manchmal fühlen wir uns schrecklich. Aber wir können uns auch zusammenreißen und können daran arbeiten, dass es für die Menschen um uns herum ein bisschen erträglicher wird.